Kultur : Abkehr vom großen Bruder

Kasachstan führt lateinisches Alphabet ein

Elke Windisch

In spätestens sechs Monaten erwartet Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew von der Regierung konkrete Vorschläge für den Übergang vom kyrillischen zum lateinischen Alphabet. Die Eile begründete Nasarbajew mit linguistischen und logistischen Problemen.

Die Kommunikation der 13 Millionen Kasachen weltweit ist momentan höchst problematisch. Zumindest die schriftliche, denn es gibt kein gemeinsames Alphabet. In Kasachstan, das Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gestern besuchte, gilt das kyrillische, die Minderheit in China – über zwei Millionen Menschen – schreibt mit dem alten arabischen, die Diaspora in Westeuropa und den USA dagegen mit dem lateinischen Alphabet. Dessen Zeichensatz ist für die vokalreichen türkischen Sprachen, zu denen auch Kasachisch gehört, besser geeignet als der kyrillische, der für die konsonantenreichen slawischen Idioms entwickelt wurde. Ab 1925 auch in Zentralasien gültig, wurde er 1939 durch das um zehn Sonderzeichen erweiterte kyrillische Alphabet ersetzt. Ein Volk, ein Führer, eine Schrift – so galt es unter Stalin.

Zwar holte Kasachstan nach der Unabhängigkeit die Lateinschrift erneut aus der Schublade, vertagte die Umstellung aber dann. Der Grund: In Turkmenien und Usbekistan machte die Ende der neunziger Jahre beschlossene Rückkehr zum lateinischen Alphabet Zehntausende, vor allem Ältere, zu Neu-Analphabeten. Kasachstan befürchtete offenbar Ähnliches und dazu neue Spannungen mit der russischen Minderheit, fast die Hälfte der Bevölkerung. Von der Zwangsvorstellung besessen, Träger einer überlegenen Kultur zu sein, verteufelt sie Bemühungen der Titularnation um Rückbesinnung auf eigene kulturelle Traditionen – seit der Unabhängigkeit 1991 klar erkennbar – als Angriff auf die eigene Identität.

Dass Nasarbajew bei der Rückkehr zum Latein-Alphabet dennoch auf Tempo drängt, hat vor allem politische Gründe. Wirtschaftlich inzwischen ein Schwergewicht, will Kasachstan auch außenpolitisch Global player werden. Nahziel ist der im Westen umstrittene OSZE-Vorsitz 2009. Um mit EU und USA auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können, will Kasachstan – bisher einer der treusten Verbündeten Moskaus – sich definitiv von dessen Bevormundung befreien. Die Abkehr vom Alphabet des großen Bruders ist der erste Schritt dazu.

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