Kultur : Ablösen, abbrechen

Frank Noack

findet, dass jede Katastrophe auch ihr Gutes hat Was soll man tun, wenn ein Regisseur Drehzeit und Budget überschreitet? Dieser Frage ist der Dokumentarfilm „Final Cut“ nachgegangen, der im Berlinale-Forum lief und von Michael Ciminos „Heaven’s Gate“ handelte, dem größten Finanzdesaster der Filmgeschichte. Als historisches Vorbild für die Lösung solch eines Problems wurde Erich von Stroheims Queen Kelly (1928) erwähnt, dessen Produzentin und Hauptdarstellerin die Dreharbeiten abbrach. Weltfremde Filmhistoriker haben ihr das als Launen einer Diva ausgelegt. Dabei stand Swansons gesamtes Privatvermögen auf dem Spiel. Und wer möchte schon – selbst für ein Genie wie Stroheim – zum Sozialfall werden? „Queen Kelly“ ist also ein Torso geblieben, allerdings ein faszinierender, und der Rest der nicht gedrehten Handlung wird anhand von Standfotos und Zwischentiteln erklärt. Swanson verkörperte eine Klosterschülerin, die sich in einen Prinzen verliebt, von der sadistischen Königin aus dem Schloss gepeitscht wird und im Bordell landet. Reinste Kolportage, aber unter Stroheims Händen gelang daraus eines der letzten Meisterwerke der Stummfilmzeit (Sonntag im Arsenal, mit Live-Musik).

Man kann, statt die Dreharbeiten abzubrechen, auch den Regisseur auswechseln. Kirk Douglas hatte beim Dreh des Gladiatoren-Epos Spartacus (1960) den Eindruck, dass sein Regisseur Anthony Mann zu langsam arbeitete und ersetzte ihn durch Stanley Kubrick. Mit gutem Resultat: Es gab trotz des Teamwechsels keine Anschlussfehler, Kubrick gelang der Aufstieg in die A-Liga, Douglas erzielte trotz des hohen Budgets einen Profit, und selbst die Entlassung von Anthony Mann fand so dezent statt, dass sein Ruf nicht leiden musste. Kaum hatte er „Spartacus“ verloren, inszenierte er Spektakel wie „El Cid“ und „Der Untergang des Römischen Reiches“. Danach wurden Komparsenheere zu teuer. Heute kommen sie aus dem Computer (Freitag im Zeughaus-Kino).

Die Filmemacher in der jungen Sowjetunion konnten keine Budgets überschreiten und deswegen gefeuert werden. Sie mussten sich mit dem Material abfinden, das zur Verfügung stand und notfalls improvisieren. Noch immer ist aus dieser Zeit viel zu entdecken. Während jeder schon von Walter Ruttmanns „Berlin - die Sinfonie der Großstadt“ gehört hat, ist der früher entstandene, ähnlich aufgebaute Dokumentarfilm Moskau (1927) von Michail Kaufman und Ilja Kopalin in Vergessenheit geraten. Für die Regisseure gab es keine Probleme mit dem Budget, höchstens mit der Zensur. Nicht jeder Winkel von Moskau durfte gezeigt werden (heute im Arsenal).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben