Kultur : About Jack

Ein Berserker, ein Womanizer, ein ewiger Rebell: So kennen wir Jack Nicholson, den Star, der den Beginn der Berlinale überstrahlt. Wenn er aber ganz anders ist?

Jan Schulz-Ojala

Und das soll der Kotzbrocken sein? Der scheinirre Berserker aus dem „Kuckucksnest“, der Teufel aus den „Hexen von Eastwick“, der rasende Familienvater aus „Shining“? Oder nehmen wir die Kotzbrockenhaftigkeit im Leben, denn am Lebenmüssen kommt ja auch kein Star vorbei: Also, wo bitte ist der Typ, der schon mal Prostituierte verprügelt, wenn sie ihm die 1000 vereinbarten Dollar nicht wert sind? Wo ist der Kerl, der mit seinem Mercedes 500 Unfallflucht begeht, während das andere Auto mit Totalschaden liegenbleibt – und kann dieser nette ältere Herr mit der sanften Stimme tatsächlich minutenlang einen Schiedsrichter anschreien, nur weil der Shaquille O’Neal schon wieder wegen Foulspiels rügt?

Na ja, solche Sachen stehen in den Zeitungen, auf unser aller Lieblingsseiten. Oder sie gehören auf die Leinwand, in unser aller Lieblingsfilme. Die Wirklichkeit sieht, wie man ahnt, gaaanz anders aus. Jedenfalls die Wirklichkeit am Donnerstag nachmittag im Berliner Hotel Four Seasons: Wirklich, Leute, da sitzt ein wirklich netter älterer Herr und plaudert. Mal plaudert er mit den paar Journalisten, die am Tisch mit ihm im Kreise sitzen, mal plaudert er eher mit sich selbst. Gut, erst sagt er: „Shoot!“, womit er zum Fragen einlädt, aber auch das ist irgendwie lieb gemeint. Und langsam kommt so eine Kaffee-und-Kuchen-Stimmung auf, nur ohne Kaffee und Kuchen. Sitzt da jetzt vielleicht ein Doppelgänger des großen Jack Nicholson – oder spielt Nicholson hier, in einem langen 35-Minuten-Take, ausnahmsweise sich selbst?

Ein bisschen sieht er aus wie sein Warren Schmidt in dem ganz besonders schönen Film „About Schmidt“, oder besser: wie ein Schmidt, der lange nach Filmende endlich mit sich selbst zur Ruhe kommt. Schwarzer Pullover mit hellbraunem Querstreifen über der mächtigen Brust, darunter ein fast weißes Poloshirt – kleidungsmäßig nix Dolles, ein bisschen rentner-like das alles, aus dem Schrank genommen und drübergezogen heute mal für die Weltpresse. Nur die Sonnenbrille, in den Ausschnitt über’n Pullover gesteckt, erinnert in dieser grauberliner Dämmerung dann doch an die Ecke, aus der er kommt: 12850 Mulholland Drive, Beverly Hills, CA 90210, U.S.A.

Übers Altwerden fragen ihn die Leute natürlich zuerst. Hat er kein Problem mit, nur die „körperliche Begrenztheit“ stört. Viagra? Na klar darf man danach fragen, schließlich greift sein Filmheld Harry gern zu Pillen Marke „Mr. Midnight“. „Ich mache keine Produktwerbung.“ Gute Antwort. Lässige Antwort. Und sogar die wahre Antwort eines Weltstars, der nebenbei stolz drauf ist, nie im Fernsehen „Seife verkauft“ zu haben. So redet er, lässig wie sein Fingerschnipsen ab und zu, volltönend, sanft – ein Vorbeischweben das alles wie in Stereo.

Und verplaudert sich dann doch. Sagt plötzlich so Sachen wie: „Ich habe Angst, vor vielen Leuten zu sprechen.“ Haben wir richtig gehört, der Mann vermeidet Galas, fühlt sich unwohl bei Vorhang-Auftritten, diesem ganzen Zeug, das Stars doch mit links abwickeln müssten? Und gleich noch ein Bedauern: „Ich bin verdammt unreif,“ sagt’s mit melodiöser Stimme, „bin einfach nicht so reif, wie ich es in meinem Alter gern wäre.“

Als sei da einer müde, sehr müde, allen immer „den Jack“ zu geben. Den tollen Spinner mit dem „Haifischgrinsen“, wie „Die Zeit“ schrieb, den Typ mit dem Killerlächeln, „so breit, als hätten die Mundwinkel am Hinterkopf eine Verabredung“, wie die „FAZ“ einst hübsch treffend dichtete. Müde auch , sich in Interviews immer wieder so zu brüsten wie vor ein paar Jahren mal: „Ich bin ein Arschloch. Aber man könnte Schlechteres über mich sagen.“ Müde, mit Essen um sich zu werfen wie ein kleiner Junge, nur weil die Leute das sehen wollen. Müde, die Zähne zu blecken und ein Gesicht zu machen: sein Gesicht.

Fragen wir also was Schönes. Hat er sich in Diane Keaton verliebt bei den Dreharbeiten, wie manche bunte Zeitung schreibt? Nie würde er ein solches Kompliment dementieren. Und heiratet er sie jetzt im Frühling? „Wir sind gute Freunde“, sagt der Womanizer, der drei Kinder von verschiedenen Frauen hat und zuletzt mit immer jüngeren Dingern lebte. Ob er sich, demnächst 67, wieder verlieben wird? „Ich hoffe es“, sagt er, und wir glauben ihm. „Aber ich bin nicht optimistisch.“. Und für einen Augenblick, es könnte die berühmte Sekunde der Wahrheit sein, glauben wir ihm das auch.

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