Kultur : Abrüstungserfolg

Wider den Musik-Jet-Set: das Bebersee-Festival

Carsten Niemann

Der Militärflughafen Groß Dölln, auf dessen Gelände sich allsommerlich ein ausgesuchter Kreis zum Bebersee-Festival für Kammermusik zusammenfindet, war einst eine verbotene Stadt: mit eigener Infrastruktur und Wohnungen für bis zu 15000 Soldaten, verborgen und durchzogen von den brandenburgischen Wäldern. Anwohner hatten keinen Zutritt: schließlich barg der Ort unter anderem die berüchtigten SS-20 Raketen. Entspannt und sinnend sitzt man heute vor dem zum Veranstaltungsort umgebauten „Konzerthangar“. Das Programm an diesem zweiten Festivalabend ist verschwenderisch abwechslungsreich: Elf Musiker werden sich zum Schlussapplaus in dem intimen Raum verbeugen. Sie alle gehören jenem Künstlertypus an, dem es erfolgreich gelingt, sich gegen die Symptome des Jet-Sets zu verteidigen.

Wie man das lernt, zeigt das Festival: Man spielt sich ganz einfach gegenseitig vor. Da übernimmt Claudio Bohórquez bei Ralph Vaughan Williams geheimnisvollem Nocturno für Streichquintett den Cellopart; bei Gabriel Faurés Klavierquartett darf es dann mit Adrian Brendel gleich noch ein Ausnahmetalent auf diesem Instrument sein. Dabei würde es sich lohnen, beide Stücke allein wegen der warmen Tönung und intelligenten Gestaltung der Bratschenpartien (Thomas Selditz und Helena Baillie) nochmals zu hören. Wobei dann noch immer nichts gesagt wäre über das unaufdringliche Violinspiel von Elisabeth Glass und Viviane Hagner, das völlig natürlich zwischen Farbe und Linie zu wechseln vermag.

Einen spannenden Dialog in wundersam umspielten, insistierenden Einzeltönen liefern sich Adrian Brendel und Markus Groh in Marc-Anthony Turnages „Lullabies“; die Sopranistin Sinéad Mulhern und der Pianist Sebastian Stoermer fangen dagegen mit Liedern von Britten und Walton den gleichzeitig romantischen und doch so heutigen Geist des Ortes ein. Und dann ist da noch das berühmte Duo Yaara Tal/Andreas Groethuysen: Der Charme, mit dem sie Jean Francaix’ 15 Kinderportraits für Klavier vortragen, reichte aus, um das ganze Militärgelände gleich noch einmal zu entwaffnen.

Weitere Konzerte vom 4. – 7. 8.. Kartentelefon: 0180 517 0 517. www.bebersee.de

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