Kultur : Abschaltquote einführen!

Pop Meets Politics: Renner, Gorny, Meier-Beer und Müntefering diskutieren über Pop im Fernsehen

Johannes Völz

Die Sessel vorne auf der Bühne: knallrot. Wie es sich für eine Podiumsdiskussion in der SPD-Zentrale gehört. Fand jedenfalls Franz Müntefering. Der SPD-Chef hatte sich trotz Wahlkampfgetöses den Abend reserviert, um im Willy-Brandt-Haus mit Künstlern und Vertretern der Musikindustrie über Quote und Qualität der Musikkultur im Fernsehen zu sprechen. Also scherzte er ein wenig über die Farbe rot und wünschte sich auch in Zukunft an seiner Seite grün.

Zur eigentlichen Frage – wieso gibt es im deutschen Fernsehen so wenig gute Musik? – hatte Müntefering allerdings nichts zu sagen. Es war eben Wahlkampf, und zwar die Art, die auf Kosten des Inhalts geht. Schon musste man befürchten, dass Gäste wie Tim Renner, Dieter Gorny und Jim Rakete, bei der SPD alle gern gesehen, mit einstimmen würden in einen nebulösen Richtungskonsens. Und dass auch Jürgen Meier-Beer, nach dem Eurovisions-Debakel soeben zurückgetretener NDR-Unterhaltungschef, Fehler einsehen und Besserung versprechen würde.

Doch die farbliche Eintracht der Sessel färbte nicht ab. Stattdessen begannen Politik und Musikindustrie, Schwarzer Peter zu spielen. Jörg Tauss, Mitglied der SPD-Medienkommission, behauptete, nicht etwa die Radioanstalten, sondern die Plattenfirmen siebten die Talente aus. Außerdem zerstöre sich die Industrie durch das Hervorbringen von „Nachäffern“ selbst. Dieter Gorny und Tim Renner dagegen kritisierten die Kulturpolitik der SPD. Ex-Viva-Macher Gorny forderte von der Partei, den Mittelstand besser zu schützen. Nur der könne für Vielfalt sorgen, gehe im internationalen Markt aber unter: „Die Eckstangen, in denen sich das Kapital bewegen kann, müssen enger gesetzt werden“.

Heuschrecken in der Kulturindustrie? Müntefering wird sich gefreut haben, trotz Gornys kritischem Tonfall. Tim Renner, ehemaliger Universal-Chef, attackierte die Öffentlich-Rechtlichen. Sie hätten die Pflicht, deutsche Bands ins Fernsehen zu bringen, und zwar unabhängig von den Zuschauerzahlen. Das fand breite Zustimmung, vor allem bei Sängerin Ulla Meinecke. Sie fragte sich, wann endlich die „Abschaltquote“ eingeführt werde, nannte Meier-Beers NDR „einen Bodennebel an Depression“ und träumte mit Renner von einer neuen „Rocknacht“, bei der Musik-Fernsehen wieder zu einem „sozialen Erlebnis“ (Renner) aufsteige.

Fast wäre die Nostalgie zur Siegerin des Abends gekürt worden. Hätte Meier-Beer nur nicht so clever zurückgefragt: „Haben Sie unsere letzten Musikspecials gesehen, Frau Meinecke?“ Hatte sie natürlich nicht, wie überhaupt fast niemand. Was immerhin eine Einsicht nahe legte: Popmusik und Fernsehen, vielleicht haben sich die beiden einfach nichts mehr zu sagen.

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