Kultur : Abschied auf einen Nichtseßhaften

WERNER HOFMANN

Am heutigen Montag wird der langjährige Direktor der Alten und Neuen Nationalgalerie, Peter-Klaus Schuster, verabschiedet.1988 wechselte er von der Münchner Staatsgalerie nach Berlin und kehrt nun als Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen an seine einstige Wirkungsstätte zurück.

Peter-Klaus Schuster gehört nicht zu den Seßhaften im Lande.Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn in einige der namhaftesten Häuser der Bundesrepublik.Er arbeitete in Hamburg, Nürnberg und München, ehe er, tief Atem holend, aber äußerlich gelassen, Berlin ins Visier nahm, wo er nun fast zehn Jahre tätig war.Man sieht: das Kommen und Gehen ist zielstrebig angelegt, und im Rückblick zeigt sich der häufige Standortwechsel als die Karrierekurve eines Hans im Glück, der mit seinem Pfund glänzend zu wuchern verstand.Immer, wenn er irgendwo ankam, fragte man sich: für wie lange?

Dieser Mobilität entspricht die geistige Beweglichkeit.Sie hat mir seinerzeit in Hamburg einen Assistenten beschert, wie man ihn sich wünscht, aus dem ein Partner wurde, schließlich ein Freund.Deutlich war damals schon zu spüren, daß diese intellektuelle Dynamik nach einem immer größeren Radius verlangte.Sie sucht die Expansion, doch geht sie dabei folgerichtig vor.Ziel ist nicht das Einzelereignis, sondern die Konfrontation.Das Hamburger Modell "Kunst um 1800" kam in Schusters Berliner Jahren zur polyphonen Entfaltung auf mehreren Zeitebenen.Ausstellungen verketteten sich zu Bezugsräumen, man könnte, aufs Ganze gehen, von einem Spielplan sprechen, wie er den Dramaturgen unserer Theater und Opernhäuser nur selten gelingt.

Schuster handhabte seine Berliner Häuser wie eine Simultanbühne, auf der ständig irgendwo irgend etwas geschah - doch nicht um des bloßen Geschehens willen, das man "event" nennt, sondern im Dienste der (unbequemen) Einsicht, daß unser heutiger Umgang mit Kunstwerken der Irritation bedarf, daß er sich auf mehreren, zuweilen kontroversen Ebenen vollzieht.

Im Berliner Klima des ständigen Szenenwechsels war Selbstbeschränkung nicht gefragt, diese Tugend hätte die musealen Spielfelder einander entfremdet und nichts eingebracht.In München mit seinen drei homogenen Komplexen (von denen zwei gerade neu geordnet wurden), wird das wahrscheinlich anders sein.Schusters Freunde sollten ihm das wünschen, denn sein Arbeitsrhythmus bedarf der Beruhigung, sein Kopf der Konzentration, um aus der Praxis den Weg in die intellektuelle Vertiefung zu nehmen.Der leidenschaftliche Ausstellungsentwerfer sollte sich daran erinnern, daß man auch Bücher von ihm erwartet.Dennoch wird der Schritt von der Spree an die Isar keine Zäsur zeitigen.Gestützt auf den Ruf, den er sich in Berlin erworben hat, wird Schuster von den ihm anvertrauten Sammlungsbeständen Themenanstöße empfangen und ihnen zurückgeben.Daran wird sich die Münchener Museumswelt gewöhnen müssen.Die Jahre der bequemen Muße in der Ideenabstinenz sind vorbei.

Könnte davon nicht eine neue Wettbewerbssituation ausgehen? Ich meine nicht die egoistische Jagd nach dem schnellen Erfolg und den höchsten Besucherzahlen, sondern eine Art Direktorenkonferenz auf Bundesebene (mit rotierendem Vorsitz), also Arbeitsgespräche zwischen den Sammlungen, denen an Zusammenarbeit und Koordination mehr liegt als am Ruhm einzelgängerischer Vorhaben.Damit male ich nicht den Generaldirektor an die Wand, doch ist es wohl kein Zufall, daß heute das Denken in größeren Zusammenhängen immer mehr Zustimmung findet.Ob daraus ein Kulturministerium werden soll, lasse ich dahingestellt, vielleicht genügt es, flexible Rahmenbedingungen herzustellen, die der zentralistischen Institutionalisierung den Wind aus den Segeln nehmen, dennoch das Ganze über seine Teile stellen.Der neue Münchener Generaldirektor hätte die diplomatische Befähigung, solche Prozesse behutsam einzuleiten.

Berlin ist nicht die Stadt, die Trauer trägt.Schusters Weggang ist sicher ein Verlust, aber schwerer wiegt der Eindruck der Ratlosigkeit, den die Kulturpolitik der Stadt überhaupt beim fernstehenden Beobachter erweckt.Die Umstände, unter denen die Wahl eines Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vereitelt wurde, sind sicher nicht von Berlin verschuldet, aber sie passen in die schwammige Entschlußlosigkeit, in der sich nur die geschickten Lavierer wohlfühlen.Zugleich setzt das Nein des Regierenden Bürgermeisters zum Eisenman-Entwurf einen neuen Maßstab für politische Obstruktion.

Die Berliner Museums- und Ausstellungsszene ist künftig keineswegs verwaist, sie verfügt über ausgezeichnete Köpfe, denen ich zutraue, daß sie Schusters Visionen nicht vernachlässigen, sondern im Sinne des Mottos eines Autoverleihers ambitioniert weiterführen werden: "We try harder".

Der Autor leitete von 1959 bis 1969 das Wiener "Museum des 20.Jahrhunderts" und wirkte anschließend bis 1990 als Direktor der Hamburger Kunsthalle, wo er mit seiner diskursiv angelegten Ausstellungsreihe zur "Kunst um 1800" einen neuen Ausstellungstyp schuf.

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