Kultur : Abschied in Ären

PETER BECKER

Auf dem Frühstückstisch liegt eine der großen deutschen Tageszeitungen, mit der Titelschlagzeile: "Höchste Arbeitslosenzahl seit dem Krieg".Darauf fragt der bald vierzehnjährige Sohn: "In Jugoslawien?" Die Eltern sind überrascht: wieso Jugoslawien? Na hier, deutet der Junge auf die große Überschrift.Und jetzt erst verstehen wir.

Das war vor drei Jahren.Inzwischen sind die Arbeitslosenzahlen in Deutschland weiter gestiegen - und der die Medien damals beherrschende Krieg auf dem Balkan, in Bosnien, ist wieder eine Spur ferner gerückt.Der Zweite Weltkrieg aber, auf dessen Erlebnis oder Folgen sich die Vor- und Nachkriegsgeborenen noch immer so scheinbar selbstverständlich beziehen, gilt einer weiteren Generation der Jetzigen, gilt den heute tatsächlich Jungen nicht mehr als Maß der eigenen Zeit und Geschichte.Es hätte nicht einmal des völligen Zerfalls der seit 1945 bestehenden Ostblockordnung und wohl auch nicht der deutschen Wiedervereinigung bedurft, um nach vier, fünf Jahrzehnten ein "Ende der Nachkriegszeit" zu konstatieren.Doch neben politischem Umsturz und sozialem Wandel hat die pluralistische Öffnung, verbunden mit der ständigen technologisch-alltagskulturellen Beschleunigung und Veränderung von Lebensverhältnissen, noch dazu beigetragen, die Begriffe "Krieg" und "Nachkrieg" (Nachkriegsordnung, Nachkriegsdeutschland) für die in den siebziger und achtziger Jahren Geborenen zu schieren Metaphern einer sehr grauen, längst im Nebulösen versunkenen Vorzeit zu machen.

Wer dennoch auf Geschichte, auf Vergangenheitserforschung als Gegenwarts- und Zukunftsverständnis, wer auf Erinnerung und historischer Verantwortung beharrt, muß dabei den Triumph des computergestützten Kurzzeitgedächtnisses und eine auch in hellen jungen Köpfen grassierende Amnesie mit in Rechnung stellen.Das wiederum macht - ein dringliches Beispiel - jegliche Diskussion um eine Kultur des Gedenkens angesichts der Shoah, angesichts vergangener Völkermorde und Kriegsgreuel heute so gleichermaßen zwanghaft wie trotzdem notwendig.

Wenn schon manche Vokabeln, bis hin zur Zeitungsschlagzeile, ganz unverhofft ans Surreale grenzen: Wie real ist dann jenes Deutschland, dessen Nachkriegszeit abgelaufen ist? Um diesen Kern kreist auch, meist unausgesprochen, der Disput um eine "Berliner Republik".

Man muß hier nicht mehr ein Potpourri der Belege aufführen für die Erfahrung, daß Deutschland bis zur Wiedervereinigung 1990 nicht bloß durch seine doppelt beschränkte staatliche Souveränität in zwei Provisorien zerfallen war.Deutsch im übergreifenden Selbstverständnis, im Sinne gemeinsamer Identifikation waren allenfalls die (westliche) Mark, die (westliche) "Nationalelf" und naturgemäß noch die Sprache.Dagegen erscheint das Verbindende einer gemeinsamen Kultur, die vor allem in der Literatur und im Theater bis 1989 wie selbstverständlich vorausgesetzt wurde, inzwischen zweifelhafter.Die vierzigjährige Trennung in Politik, Sozialisation und Alltagskultur ist gerade auch bei Künstlern und Intellektuellen nicht folgenlos geblieben: daher rühren die Differenzen und manche Verrenkungen deutsch-deutscher Debatten.Und mindestens hier könnte ein selbstironischerer Blick auf die eigene Befindlichkeit helfen, ein Blick von oben: auf sich selbst.Schon in die Häuser der eigenen Geschichte geht man heute wie in Kinderzimmer der Republik.Da steht in Bonn Konrad Adenauers Dienstmercedes gleich einem großen Spielzeugauto im postmodernen Salon, und im Deutschen Historischen Museum Berlins muten Möblierungen und andere Zeugnisse des ehemaligen Politbüros oder gar aus den Gründerzeiten der DDR wie Utensilien an aus der Motten- und Puppenkiste.

Nur einer hat, einem Riesen gleich, das alles und alle überlebt: Helmut Kohl.Kohl war den einen lange verächtlich nur "der Pfälzer", den anderen spöttisch bloß "Birne", Kohl war der Einheitskanzler und ist, den Ostnostalgikern, auch der Kanzler der alten neuen Zweiheit.Er steht kraft Statur, Amts und schierer Dauer wie niemand sonst für Deutschland.Für ein Land: vor der Wahl, vor dem Wechsel.Kohl ist noch füllige Gegenwart, doch erfüllt er keine Hoffnung mehr auf Zukunft.Dieser Kanzler ist bei seinen Anhängern wie parteipolitischen Gegnern gleichermaßen zur Wahl und schon zur Abwahl gestellt, jetzt oder demnächst.

Vor dem Wechsel.Es wechselt ein Zeitalter - da regiert der kalendarische Zufall, doch bedeutet dies mehr: bis in die Sprache und unser Bewußtsein.Wer eben jetzt ein Haus baut, wird in nur einigen Monaten sagen können, er besitze ein Haus aus dem letzten Jahrhundert.

Nun wechselt morgen vielleicht die Regierung - und gewiß jetzt jeden Tag ein Deut weiter der Regierungssitz.Mit Berlin, in Berlin, der heute provisorischsten, weil veränderungsfälligsten aller Städte, endet auch das deutsche Provisorium.Was hier einzieht, ist nun kein Metropolenwahn und kein Wiederaufleben von Preußens Gloria (mit oder ohne Stadtschloßfassade).Sondern: ein Stück Normalität.Das Land hat wieder eine Hauptstadt, wie alle anderen Länder.Daß es hierüber ernstlich Diskussionen gab und gibt, gehört zu den Eigenarten deutscher Geschichte, gehört zu den Schwierigkeiten der Deutschen, spätestens seit 1871, ein normales Land zu sein.

Weil Berlin aber eine offene Stadt ist, auch im Sinne eines Orts nach der Belagerung, Teilung und Teilzerstörung, gehört die Debatte darüber, wieviel Rekonstruktion und wieviel Neuentwurf nun sein soll, zur Normalität.Weniger Dramatik im Grundsätzlichen und mehr konkrete Phantasie, was urbane Entwicklung und internationale lebenskulturelle Vielfalt angehen, werden allerdings gefordert sein.

Diese Debatte hat trotz jahrelanger Vorgeplänkel erst jetzt wirklich begonnen, und nach der Wahl wird es ernst.Oder kann nur heiter werden.

Eine Kapitale, das lehrt das Haupt-Wort, beruht zuerst auf Geist und Geld.Mit beiden zusammen kann auch politische Verwaltungsmacht um einiges leichter zur politischen Gestaltungskraft werden.Geld hat Berlin zur Zeit zu wenig.Aber der Umzug von Bonn nach Berlin bedeutet - topographisch, menschlich, logistisch - die sprunghafte Annäherung der deutschen Politik ans Leben einer wachsenden europäischen Kulturhauptstadt.Das ist der natürliche Hintergrund auch des erstaunlichen Aufsehens, das der Kandidat für einen Bundeskultur(staats)minister-Posten im Wahlkampf erregt hat.Auch wenn Gerhard Schröder bisher kaum eine schlüssige Vorstellung von hauptstädtischer, interregionaler oder auch supranationaler Kulturpolitik formulieren konnte: Michael Naumann zumindest hat mit seinen Ideen, Analysen und auch Irrtümern in zwei Monaten inspirierter und anregender gewirkt als alle Landeskultusminister und Bonner Kulturbürokraten in den letzten 20 Jahren zusammen.Aber das ist nur ein, wenngleich wichtiger, Seitenaspekt.

Helmut Kohl, Deutschlands lebendes Denkmal, steht für die Vereinigung der Provisorien - und für das alte Bonn.Seine Regierungszeit war, ungeachtet aller machiavellistischen Künste, eine Ära der komfortablen, hochvernünftigen Geistlosigkeit.Ohne die Dramatik des Mauerfalls wäre Kohls West- und Restdeutschland wohl eine ganze Weile noch der vielapostrophierte "Freizeitpark" geblieben.Doch selbst in der Stunde seines größten Triumphs, als Mann der Wiedervereinigung, hatte er nicht die Inspiration für die historisch fällige "Blut-, Schweiß- und Tränen"-Rede.Statt dessen Wahlversprechen und die "blühenden Landschaften" als Politkitsch und frommer Selbstbetrug.

Von Kohl, die Vorhersage gilt, wird nach einer Abwahl oder, im Falle des Wahlsieges, nach dem später fälligen Rücktritt kaum eine tiefere Spur und bald weniger Erinnerung als an Adenauer oder Bismarck geblieben sein.Selbst Strauß ist in Bayern mittlerweile nur noch der Name eines Vogels - und eines Flughafens.Keine Geste wie Brandts Kniefall in Warschau, keine Rede wie die Richard von Weizsäckers zum 8.Mai, kein emphatisches Bauwerk, kein bundesdeutsches Centre Pompidou, allenfalls eine recht verdickte Kollwitz-Pietà wird im kommenden Jahrtausend noch an H.K.erinnern: das ist auch ein Zeichen demokratischer Bescheidenheit.Kein Zeichen der Normalität allerdings ist die in einer parlamentarischen Demokratie so beispiellose Länge der Amtszeit.In Anlehnung des geflügelten Worts eines englischen Fußballspielers könnte es für die Bundesrepublik heißen: Wahlen sind alle vier Jahre, wenn alle miteinander streiten und am Ende immer der Kohl gewinnt.

Dieses Ritual lähmt - und das hat, neben komplexeren Phänomenen, mit beigetragen zur Politikverdrossenheit vor allem der Jüngeren, die sich gesellschaftliche Veränderungen nicht mehr praktisch vorstellen können.Der "Schröder-Effekt" schien diesen Wechsel allein um des notwendigen Wechsels willen eine Weile voranzutreiben.Auch bei der Bundestagswahl geht es nun kaum mehr um große programmatische Perspektiven.Keine Partei besitzt ein Erfolgsrezept für den Abbau struktureller Arbeitslosigkeit oder die nationale Beherrschung globaler Wirtschaftsrisiken.Auch ist es Schröder, von Rücksichten auf die eigene Partei gebremst oder zerrissen, nicht gelungen, das Thema ökonomisch-technischer Fortschritt und soziale Gerechtigkeit zum inhaltlichen Angelpunkt des Wahlkampfs zu machen.Obwohl erstmals seit Jahr und Tag ein Regierungswechsel wieder in Reichweite liegt, wirkte die Wahlschlacht sonderbar undramatisch.Unpolitisch.

Wenn 1999 der renovierte Reichstag zum Bundestag wird, dann beginnt keine "Berliner Republik".Aber die Bundesrepublik Deutschland hat von da an ihr politisches und kulturelles Zentrum in der Stadt, die wie keine andere unsere historischen Spuren und Narben zeigt, die soziale Gegensätze und multikulturelle Spannungen widerspiegelt - und die offene Wunde einer noch immer geteilten West-Ost-Gesellschaft.Politik, Kultur und Geschichte geraten von da an wieder in einen mehr als nur symbolischen Zusammenhang.Berlin ist kein Ort machtgeschützter Idyllik mehr, Verdrängungen und Illusionen fallen hier schwerer.Angesichts der sozialen Konflikte und ungelösten Zukunftsfragen reicht auch eine rein ökonomische Definition des bundesdeutschen Selbstbildes nicht mehr aus.Man kann zum Beispiel nicht seine Währung internationalisieren und gleichzeitig gegenüber Millionen Inländern auf einem sie ausgrenzenden, quasi-nationalistischen Staatsbürgerrecht beharren.

Bleibt Kohl, wird das Lavieren, wird der rasende Stillstand in dieser Gesellschaft sich noch einmal fortsetzen.Eine offene Repolitisierung, ein wiederbelebtes Gefühl für die res publica liegt nur bei einem Kanzler- und Koalitionswechsel nahe.Siegen Kohl-Kinkel, droht den Oppositionsparteien die große Resignation, ist eine Erneuerung auch der Union vertagt, und eine Generation junger Wähler hat ein Kernstück parlamentarischer Demokratie einmal mehr nur als Nullsummenspiel erfahren.In jedem anderen Falle aber hat die Zukunft auch schon in Bonn begonnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar