Kultur : Abschied ohne Wehmut

Das Konzerthausorchester mit Viktoria Mullova

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Die Konzertsaison neigt sich ihrem Ende zu, und Lothar Zagrosek erreicht mit seinem Konzerthausorchester das 4. Konzert in Abonnement E. Der Saal am Gendarmenmarkt ist prall gefüllt – und dennoch schlägt dem Chefdirigenten keine Herzlichkeit entgegen. Zagrosek hat große Erfolge für das Konzerthaus und sein Orchester errungen, trotzdem geht er auf eigenen Wunsch nach dem Ende der nächsten Spielzeit. Vorauseilende Wehmut darüber merkt man seinem Publikum nicht an, dafür vernimmt man vor Konzertbeginn immer wieder die leise ausgesprochene Hoffnung, das Programm des Abends möge heute nicht zu fordernd sein. Zagrosek wurde für seinen innovativen Spielplan ausgezeichnet, doch das hat ihm beim Publikum wie im Orchester nicht nur Sympathien eingebracht. Das würde auch gerne Klassiker-Zyklen spielen wie Marek Janowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester. Die konservative Klangkörpermitte ist heiß umkämpft. Das Konzerthausorchester möchte mit Ivan Fischer als künftigem Chefdirigenten gerne daran teilhaben. Doch noch ist der Vertrag nicht unterschrieben. Es hakt an einem Detail, das mit Programmgestaltung nichts zu tun hat.

Zagrosek springt ans Pult, man spürt ihm den Wunsch an, Energie freizusetzen an diesem Abend, etwas wegzuspülen von den Mühen der Saison, auch von dem Frust, nicht ernten zu können, was er doch gesät hat. Bartoks Suite nach der Ballettmusik zu „Der wunderbare Mandarin“ verlangt nach Schonungslosigkeit, nach Lust am Ende aller Konventionen, nach Ecken und Kanten. Doch so sehr sich Zagrosek auch anstrengt, seine gestischen Druckwellen rollen am weiten, flachen Orchesterstrand einfach aus, werden nicht zurückgeworfen; dazu bräuchte es eine Küste aus Granit. Erschöpft wirkt er danach, doch aus diesem Nullpunkt entwickelt sich beinahe von selbst ein schwebender Auftakt zum Violinkonzert von Sibelius. Die Solistin Viktoria Mullova zeigt sich empfänglich für eine aus Ermattung erwachsene Klangsinnlichkeit. Ihr Spiel bleibt zart auch im vollgriffigen Spiel, ihre abgeklärte Wehmut braucht keine große Geste. Dann steht Zagrosek frei vor seinem Orchester, ohne Partitur und mit Brahms’ Erster endlich in der vermeintlichen Mitte des Repertoires angekommen. Und höre: Er kann das. Machtvoll und leidenschaftlich strömt die Basslinie, die Bläser blühen, der Klassiker erglüht von innen. Verdienter Jubel flutet das Haus. Ulrich Amling

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