Abschied vom Berliner Kupferstichkabinett : Farbstreifen am Horizont

Zeigt her eure Zeichnungen: Der scheidende Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, Hein-Th. Schulze Altcappenberg, stellt seine Lieblinge vor - von Romantik bis Moderne.

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Versüßte Knechtschaft. Blatt aus Adolph Menzels „Kinderalbum“ von 1883.
Versüßte Knechtschaft. Blatt aus Adolph Menzels „Kinderalbum“ von 1883.Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders

Einmal ganz den eigenen Liebhabereien frönen – welcher Museumsmann wollte das nicht? Hein-Th. Schulze Altcappenbergs Vorruhestand beginnt zwar erst im kommenden Mai, doch die letzte von ihm zusammengestellte Ausstellung zeigt der Direktor des Kupferstichkabinetts schon jetzt und damit, was er unter den schier unerschöpflichen Beständen des von ihm seit 14 Jahren geleiteten Hauses zu persönlichen Favoriten erkoren hat.

Zugleich besitzt die Ausstellung „Romantik und Moderne. Zeichnung als Kunstform von Caspar David Friedrich bis Vincent van Gogh“ Erkenntnisanspruch. Es geht um die Untermauerung der These, dass die Moderne nicht erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eingesetzt hat, sondern bereits zu Anfang. Damit rennt Schulze Altcappenberg offene Scheunentore ein, denn spätestens seit Werner Hofmann – unter dessen Fittichen der scheidende Direktor erste Meriten mit einem Aufsatz über Philipp Otto Runge erwarb – wird die Moderne als Folge eines Epochenumbruchs begriffen, der um 1800 mit der Auflösung der alten Ordnungen begann.

Blätter sollten wie Gemälde verstanden werden

Aber es ist doch immer wieder schön, diese These am konkreten Gegenstand ausgeführt zu sehen – und aufs Sehen kommt es in dieser Ausstellung in der Sonderausstellungshalle am Kulturforum an. Sie ist ausgebreitet vor wahlweise lindgrünen und erdbeerroten Wänden, denn der Direktor wollte es großzügig, als ob es sich um Gemälde handelte. Viele der ausgewählten Blätter sollten seitens ihrer Schöpfer denn auch wie Gemälde verstanden werden.

Die Romantik, in Deutschland die Zeitspanne zwischen 1800 und zirka 1830, war eine Zeit der Armut, die Künstler hatten kaum Geld für Farben und Leinwände. So fertigte Caspar David Friedrich großformatige Sepiazeichnungen an, bevor er überhaupt den Pinsel in Ölfarbe tauchte. Sein „Kreuz im Gebirge“ hat Format und Anspruch eines Gemäldes; das berühmte Dresdner Bild des sogenannten „Tetschener Altars“ war eine Auftragsarbeit nach der jetzt in Berlin gezeigten Komposition, die Friedrich selbst nie als bloße Vorzeichnung im Sinn hatte.

Abstrakte Farbexplosionen

Die Moderne ist die Zeit der autonomen künstlerischen Gattungen und Techniken, auch wenn bereits die Renaissance die Zeichnung als eigenständiges Medium, als Ort der Erfindung, als Schauplatz von Virtuosität schätzte. Doch dahinter stand immer der Gedanke an das „richtige“ Bild, auf Holz oder Leinen und am liebsten als Fresko auf der Wand. Die Romantiker, unter ihnen die frömmelnden deutschen Nazarener in Rom, blieben bescheiden und zeigten sich gegenseitig ihre Blätter als Freundschaftsbeweis. Ferdinand Olivier, Julius Schnorr von Carolsfeld und der 26-jährig verstorbene Franz Theobald Horny kommen mit wunderbar durchgestalteten, feinst gestrichelten Blättern zur Ansicht. Man sollte mit der Lupe herantreten!

Ganz gegensätzlich dann die Wolkenstudien des schwermütigen Carl Blechen, dessen Nachlass mit denjenigen von Schinkel und Menzel die große Trias der hauseigenen Nachlässe bildet. In der Ausstellung steht er dafür ein, dass „Zeichnung“ nicht „monochrom“ heißt und auch nicht Feder oder Stift bedeutet. Mit dem Pinsel wischt Blechen Ölfarbe auf schmale Papierstreifen – und schon stehen dramatische Wetterlagen vor Augen. „Konkrete Landschaft und benennbares Wetterphänomen verlieren an Relevanz angesichts der trotz ihrer kleinen Formate doch erhabenen Pinselzeichnungen“, schreibt Kokuratorin Anna Marie Pfäfflin im schönen Katalog: „Es sind abstrakte Farbexplosionen.“

Alles Zeichnen ist nützlich

Vor der Abstraktion, diesem rocher de bronze der Moderne, allerdings kommt die hohe Zeit des Rea- oder Naturalismus. Für sie steht natürlich Adolph Menzel, hier mit den 44 Gouachen – also „bildmäßigen“ Papierarbeiten – des „Kinderalbums“, in dem sein unstillbarer Wirklichkeitsdrang zur schönsten Entfaltung kommt, darunter seine „Ratte im Rinnstein“. „Alles Zeichnen ist nützlich, und Alles zeichnen auch!“, war Menzels Devise, wie kein Zweiter löste er sie ein.

Überraschend in der Ausstellung ist die Serie des heute unbekannten Eduard Hildebrandt, der ab 1862 eine zweijährige Reise um die Welt unternahm und alle Länder und Völker aquarellierte. Über ihn sagte Fontane den erstaunlichen Satz, er sei „das eigentliche Farbgenie, der uns immer vorgekommen ist, als behandle er die Palette wie Franz Liszt die Klaviatur“. Das muss man wohl als Ausdruck einer Zeit nehmen, der noch keine Farbfotografie dokumentierend zur Verfügung stand. Hübsch anzuschauen sind seine Aquarelle, doch eher pittoresk im Sinne des Wortgebrauchs.

Fünf Blätter von van Gogh

Dann schließlich der im Ausstellungstitel erwähnte van Gogh: Fünf Blätter sind der Stolz des Kupferstichkabinetts, vier davon ausgestellt. Van Gogh ist immer ein Suchender, in den Federzeichnungen mehr als in den Ölgemälden. Man kommt nicht umhin, mit der Moderne eben auch einen Niedergang der künstlerischen Technik, ja des künstlerischen Vermögens zu beklagen. Ob Schulze Altcappenberg mit Hintersinn Wilhelm Leibl in die Nähe gehängt hat, nun wahrlich ein Virtuose der Zeichnung – und ein Realist reinsten Wassers?

Um solche tieferen Gedanken geht es der Ausstellung nicht. Sie will die Breite vorstellen und der Arbeit auf Papier zu ihrem Recht verhelfen. Und dokumentieren, dass in der Zeichnung vorweggenommen wird, was später im Gemälde gemacht wird. Die Zeichnung ist der Seismograf, der von der Moderne kündet.

Kulturforum, Sonderausstellungshalle, bis 15. 1.; Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa / So 11 – 18 Uhr. Katalog 29,90 €.

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