Kultur : Abschied vom Preußen

Iring Fetscher

Am 27. Mai 1927 wurde Graf Krockow auf dem elterlichen Gut in Pommern geboren. Den Zusammenbruch des "tausendjährigen Reiches" erlebte er als Soldat, während seine Schwester - wie viele Frauen aus den östlichen Teilen des Reiches - zusammen mit ihren Gutsleuten, ganz auf sich gestellt, vor der Roten Armee fliehen musste. In seinem Buch "Die Stunde der Frauen", das sich weithin auf Berichte der Schwester stützt, hat er diesen stillen Heldinnen (1988) ein Denkmal gesetzt.

Auf der Suche nach dem Verständnis des Geschehens studierte Krockow in Göttingen bei Helmut Plessner, dem aus der Emigration heimgekehrten Göttinger Soziologen,und schloss sein Studium mit dem Buch "Die Entscheidung" (1958) ab. Thema dieser Dissertation war die kritische Analyse des Freund-Feind-Denkens in den Werken von Ernst Jünger, Carl Schmitt und Martin Heidegger. Seine Tätigkeit als Hochschullehrer führte ihn über Göttingen und Saarbrücken 1968 nach Frankfurt, wo ich mich schon auf eine langjährige Zusammenarbeit mit ihm freute. Während meines Auslandaufenthaltes fühlte er sich zwischen rebellierenden Studenten und einer jeden Dialog verweigernden Universitätsleitung allein gelassen und zog sich - enttäuscht - von der Universität zurück. Seine Vorstellung von Glück: "Versöhnung nach dem Streit" ließ sich 1969 nicht verwirklichen.

Umso mehr bemühte er sich in seinen Büchern, Artikeln und Reden um die Versöhnung mit den ehemaligen Gegnern - vor allem mit Polen und Russen. Mit Reiseberichten unter anderem über Pommern und Ostpreußen suchte er den Abschied von jenen definitiv verlorenen Gebieten begreiflich zu machen. Schon früh setzte er sich für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Voraussetzung für dauerhaften Frieden und deutsche Einheit ein. Unter seinen zahlreichen Biographien sind vor allem die über Friedrich den Großen und dessen Bruder, über Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm II. stets auch ebensoviele Hilfestellungen zur differenzierten Aneignung und Sichtung des "historischen Erbes".

Am deutlichsten hat er in dem Buch "Warnung vor Preußen" seine Einstellung zur deutschen Vergangenheit präzisiert: "Eine naive Preußen-Rezeption (...), die am Abglanz der Geschichte sich erfreut und dabei ein preußisches Staatsbewusstsein und preußische Tugenden uns anempfehlen möchte, dürfte mehr Gefahren schaffen als bannen." Und er fügt hinzu: "Diese Warnung vor Preußen kommt nicht von außen, sondern von innen. Ich stamme aus Preußen. Meine Vorfahren haben so weit sich denken lässt, dem preußischen Staat Offiziere und Beamte gestellt (...) Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich in mir preußische Neigungen und Abneigungen, etwa die Achtung vor Leistung, die durch Selbstdisziplin bestimmt wird, oder den Widerwillen gegenüber allen Spielarten von Wehleidigkeit." Neigungen und Abneigungen, so füge ich hinzu, für die man aber nicht unbedingt Preuße sein muss.

Mit Christian Graf von Krockow ist nach Marion Gräfin Dönhoff innerhalb von kürzester Zeit ein weiterer selbstkritischer Zeuge aus dem alten Preußen von uns gegangen, ein weiterer überzeugender Anwalt der Verständigung vor allem mit unseren östlichen Nachbarn. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit und wünschen seinen Büchern auch künftig aufmerksame und lernbereite Leser.

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