Kultur : Abschied vom rechten Winkel

Die Baukunst swingt bei der 9. Architekturbiennale Venedig. Und der deutsche Pavillon entdeckt die Schönheit der Peripherie

Bernhard Schulz

Bestünde die Biennale von Venedig nur aus einer Ausstellung, der Besucher wäre schon vollständig ausgelastet. Die Themen-Schau der 9. Architektur-Biennale füllt den größten Teil des italienischen Pavillons, der seit unvordenklichen Zeiten großzügigerweise der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt ist. Und dazu seit längerem auch die 500 Meter lange Corderie, die Seilerei im altehrwürdigen Arsenal, und deren angrenzende Gebäude.

Dabei ist die Themen-Ausstellung nur ein Zusatzhappen – eigentlich geht es ja in Venedig um das nationale Angebot, dargeboten in mittlerweile 28 Länder-Pavillons der beati possedentes in den Giardini, denen die weniger glücklichen Länder gemietete Räume im Rest der Stadt hinzufügen. Der nationale Wettstreit ist das Prinzip der Biennale, ob Kunst oder Architektur; und gerade weil es sonst nur noch selten gepflegt wird, erfährt es in Venedig besondere Wertschätzung. Niemand kann alle Pavillons an drei Vorbesichtigungstagen mit gleicher Aufmerksamkeit wahrnehmen. So hat es sich eingebürgert, die zahllosen Gesprächspartner, denen man auf dem Parcours begegnet, mit verschwörerischen Hinweisen auf den ganz besonderen Geheimtipp zu beeindrucken.

Der Autor dieser Zeilen hatte sich dafür den belgischen Pavillon ausgeguckt. Dessen Thema lautet „Kinshasa. Geschichten aus der unsichtbaren Stadt“. Er handelt vom kolonialen Erbe Belgiens, ist aber darüber hinaus eine intelligente ethnographische Untersuchung der kongolesischen Hauptstadt, hinter der die Frage steckt, wie wichtig Architektur für das Leben der Menschen eigentlich ist. Die Antwort: nicht gar so sehr. Denn den eigentlichen „Körper“ der Stadt bilden die sozialen Interaktionen, denen die Bauten – mögen es verrostende Schiffe am Kongofluss sein oder Barackensiedlungen im staubigen Umland – nur Unwesentliches hinzufügen.

Nun erwies sich der Geheimtipp überraschend als Volltreffer, denn auch die Biennale-Jury – die in Venedig den Brauch der fein abgestuften Preiszumessung pflegt – vergab den Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag an das flämische Team. Sehr zum Missfallen mancher Jurymitglieder: Die fanden die Studie zu wenig architekturbezogen.

Womit wir beim deutschen Pavillon wären. Die 37-jährige britische Berlinerin Francesca Ferguson, international ausgewiesene Kommissarin – so heißt das in Venedig! – des deutschen Beitrags, hat unter dem hübschen Titel „Deutschlandschaft“ eine Collage von Bauten an der Peripherie zusammengestellt. Insgesamt 36 Beispiele der – so die offizielle Erläuterung – „symptomatisch konturlosen Architektur in den Randgebieten unserer heutigen Städte“ vereint die Journalistin und Organisatorin querdenkender Netzwerke wie des Vereins „urban drift“ in einer durchgängigen Fotomontage – mitsamt dem jeweiligen Umfeld. Es ist das Panorama einer übergangslosen Landschaft, die von Vorstadtstraßen, Schrebergärten, Dönerbuden und Industriebrachen bestimmt wird. Darin beanspruchen die Musterbauten keine Extraplätze, sondern fügen sich ein und können gerade dadurch Akzente im amorphen Siedlungsbrei setzen.

Mit dem Adjektiv „amorph“ klingt das Generalthema der 9. Architekturbiennale an: „Metamorph“. Darunter versteht Biennale-Chef Kurt W. Forster, der hoch geachtete Zürcher Architekturhistoriker und langjährige Leiter des Getty-Stipendienprogramms, alles, was sich vom überkommenen Bauen abhebt. Dazu zählen neue Formen einer organischen oder biomorphen Architektur, wie sie in der von Forster verantworteten Übersichtsausstellung erschöpfend behandelt werden, aber auch der eigenständige Umgang mit den Ressourcen des Realen oder Imaginären, wie sie die nationalen Pavillons nach je eigenem Gusto präsentieren.

Fergusons deutscher Beitrag fügt sich wunderbar in dieses Generalthema, indem es ihm zugleich folgt wie eine ganz eigene Sprache spricht. Das ohne jede Unterbrechung durch die streng rechtwinkligen Räume des deutschen, zu NS-Zeiten auf Klassizismus getrimmten Pavillons gewundene Foto-Panorama beschwingt, so wie es selbst geschwungen ist. Es beweist unangestrengt, dass Architektur jenseits der Großprojekte ein lohnendes Unterfangen sein kann. Und dass oft kleinste Interventionen genügen, um die Umwelt lebenswerter zu machen – auch wenn dieses Ziel so gar nicht zum starren deutschen Wesen passen will.

Omar Akbar, der aus Afghanistan gebürtige Direktor der Dessauer Bauhaus-Stiftung, meinte denn auch, über diesen Beitrag könne man sich endlich einmal freuen. Berlins Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der die vorvorige Architektur-Biennale mit Berliner Stadtplänen und Abrissgeschichten befrachtet hatte, mäkelte hingegen, das habe nichts mit Architektur im Sinne von Grundrissen und Materialbehandlung zu tun und passe „eher auf eine Kunst-Biennale“.

Dass die Grenzen zwischen den Gattungen verschwimmen, ist indes längst ein Allgemeinplatz. Die Japaner, in Venedig unsere Nachbarn, werben mit einer Totalinstallation aus Tausenden ihrer Manga-Comics und dem zugehörigen Plastiknippes. Das hat nun in der Tat nichts mit Architektur – oder, im weiteren Sinne, mit Städtebau – zu tun. Denn anders als etwa der flämisch-belgische Beitrag stellt die Installation keine diesbezügliche Frage, folgt keinem architekturtheoretischen Erkenntnisinteresse.

Dies jedoch muss eine Biennale leisten: Sie muss Neuerungen im architektonischen Denken vermitteln, überraschende Ansätze zeigen, konkurrierende Lösungen zum Vergleich stellen. Sie muss – im Fall von Kurt Forsters „Metamorph“-Losung – plausibel machen, welche Potenziale in der organoiden Formenwelt liegen. Die Hauptausstellung in den Renaissance-Fabrikhallen des Arsenale ist aufs Schönste präsentiert, wie überhaupt diese Biennale mit einer ungewohnt schweizerischen Präzision vonstatten geht – bis hin zu den erstmals ausreichend vorhandenen Cafeterien und sonstigen, ebenso bedeutenden Lokalitäten.

Auf gondelförmig geschwungenen Podesten sind Modelle arrangiert und treffsicher ausgeleuchtet. Grafiken und kurze Texte auf Informationstafeln ergänzen die Objekte an beiden Seiten des Corderie-Gemäuers. In fünf Kapitel ist die Ausstellung aufgeteilt, die sich allerdings nicht trennscharf voneinander absetzen. Es erscheint recht beliebig, ob ein Gebäude unter „Oberflächen“ oder „Atmosphäre“ abgehandelt wird oder gar unter „Hyperprojekte“ – was immer das sein mag. Allein die „Transformationen“ sind definitorisch einzugrenzen. Aus dieser Gruppe erhielt übrigens der Österreicher Günther Domenig für seinen beeindruckenden Umbau von Teilen des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes zum NS-Dokumentationszentrum einen Sonderpreis der Biennale-Jury.

Womit wiederum ein Problem angesprochen ist: das der Scheidung von ausgeführten und geplanten Bauten. Auch darin ist die Auswahl nicht schlüssig. Es sei denn, man konzediert es als sympathische Unschärfe, dass Forster und sein Team bisweilen ihren privaten Vorlieben freien Lauf gelassen haben. Das gilt jedenfalls für den Goldenen Löwen für das Lebenswerk, mit dem diesmal Peter Eisenman ausgezeichnet wurde, Entwerfer unter anderem des Berliner Holocaust-Mahnmals. Eisenman ist ein Altersgefährte von Forster und hat als Theoretiker sowie eher spätberufener praktizierender Architekt großen Einfluss auf den Schweizer Historiker, den dieser allerdings bereitwillig einräumt. Nicht zuletzt repräsentiert der amerikanische Star-Architekt das Aufbegehren der Sechziger- und Siebzigerjahre gegen den späten, ausgedünnten Modernismus des vormaligen International Style, gegen dessen rechte Winkel und weiße Nicht-Farbe.

Ach ja, wenn man große Namen bei dieser Biennale allenfalls am Rande findet – und das ist ein jedesmal beliebtes Gesellschaftsspiel –, dann wäre nicht zuletzt Richard Meier zu nennen, der Erbe der Bauhaus-Moderne. Und ebenso der orthogonale Schweizer Minimalismus mit Herzog & de Meuron an der Spitze. Eher verwunderlich, dass Rem Koolhaas, dieser holländisch-kalvinistische Zerbrecher des Bildervorrats der Moderne, gleichfalls draußen blieb. Im Übrigen findet man mit dem belgischen „Kinshasa“-Beitrag ein Stück Feldforschung vor, das Koolhaas’ eigenen Untersuchungen etwa zum nigerianischen Lagos an Perspektivreichtum durchweg überlegen ist.

Das heißt nun aber nicht, dass die diesmal bevorzugten geschwungenen, de- und neukonstruierten, quasi-virtuellen Bauten keinen Beitrag zum Einerlei unserer Städte leisten könnten – ganz im Gegenteil. Nur sind es von vornherein Solitäre, interessante oder bisweilen auch nur Interesse heischende. Solitäre. Nirgends kommt dies besser zum Ausdruck als in der Sonderschau „Konzerthallen“ im italienischen Pavillon, die Forsters ureigene synästhetische Ader veranschaulicht. So viele Konzertgebäude in aller Welt! Man ist bass erstaunt – und wagt kaum die Frage, ob zu jedem aus Steuergeldern bezahlten Konzerthaus auch ein öffentlich gefördertes Orchester gehört.

Wie dem auch sei, die Konzerthallen sind allesamt Einzelbauten, auf die Hans Scharouns Wort vom „Stadtwahrzeichen“ zutrifft. Mit Scharouns Berliner Philharmonie als Ahnherrin beginnt die Ausstellung. Die organische Architektur ist nun einmal nicht neu – nur bedienen ihre Jünger mittlerweile den Computer.

Solcher Virtuosität aber – und das ist auch eine Lehre aus dem deutschen Beitrag – bedarf es nicht, um sinnvolle, nützliche, ja sogar schöne Architektur zu schaffen. Es bedarf allein der kreativen Fantasie – am Rand der Städte nicht minder als in ihrem Zentrum.

Venedig, Giardini und Arsenale, bis 7. November, täglich 10-18 Uhr. Katalog in drei Bänden, 60 €. Deutscher Katalog bei Hatje Cantz, 25 €, im Buchhandel 29,80 €.

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