Abschied vom Volksbühnen-Chef : Castorf, die große Liebe

In wenigen Tagen ist es vorbei. Nach zweieinhalb Jahrzehnten verlässt Intendant Frank Castorf die Volksbühne. Es ist eine Zeitenwende. Tagesspiegel-Kritiker verabschieden sich mit einer kleinen Serie.

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Schöner wird’s nicht. Der Intendant Frank Castorf vor seinem Theater am Rosa-Luxemburg-Platz. Fotografiert anno 2006.
Schöner wird’s nicht. Der Intendant Frank Castorf vor seinem Theater am Rosa-Luxemburg-Platz. Fotografiert anno 2006.Foto: Gero Breloer/dpa

Vor drei Wochen in der Volksbühne: die letzte Vorstellung der „Spanischen Fliege“, eines der vielen Endspiele, die jetzt hier allabendlich stattfinden. Kaum hat Wolfram Koch als Senffabrikant Klinke seinen ultimativen Salto aufs Trampolin geturnt, erhebt sich der Saal geschlossen zum Jubel, als hätte die Volksbühne soeben die Champions League gewonnen. Mindestens.

Meiner Nachbarin zur Rechten laufen Tränen über die Wangen, während mein Nachbar zur Linken seinem Kumpel, der offenbar keine Ahnung hat, was hier los ist, aber ein Trikot des FC Liverpool trägt, die Situation erklärt: „Du musst dir das in etwa vorstellen, als würden die Reds zu Saisonende aufgelöst, und dafür kommt in Zukunft jeden Sommer das Trainingslager des FC Bayern vorbei.“

Der Schlussapplaus geht mittlerweile in die zwanzigste Minute. Er hört erst auf, als Wolfram Koch mit einer sehr charmanten Geste, die man gleichzeitig als kollektive Kantineneinladung verstehen kann, andeutet, dass er jetzt gern etwas trinken würde.

„Stellt euch mal vor, ihr dürftet euch eine Volksbühnen-Inszenierung aus den letzten 25 Jahren aussuchen, die ihr noch mal sehen könnt“, sagte plötzlich einer der Freunde, mit denen ich der Koch’schen Trinkanregung gefolgt war. Rege Diskussion am Tisch: Castorfs lange „Nibelungen“-Nacht mit dem finalen Katerfrühstück, Corinna Harfouch als „Des Teufels General“, „Endstation Amerika“ mit Henry Hübchen als Solidarnosc-Kowalski und die kompletten Castorf-Dostojewskis. Von René Polleschs „Stadt als Beute“ (damals noch im Prater), Christoph Schlingensiefs „Rocky Dutschke“ und Christoph Marthalers „Murx“ ganz zu schweigen.

So geht das Spiel nicht, ihr müsst euch entscheiden

Nee, sagte der Freund, so geht das Spiel nicht, ihr müsstet euch wirklich für eine entscheiden. Die Frage konnte an diesem Abend nicht mehr geklärt werden. Aber am nächsten Morgen dachte ich an „Die Weber“, Frank Castorfs analytischen Abgesang auf Gerhart Hauptmanns Aufstandsdrama von 1997: ein Abend, der damals krachend verrissen wurde. Ich fand es großartig und habe das Stück nach der Premiere noch sechs Mal gesehen.

Ich war damals noch keine Theaterkritikerin (und wäre ohne die Volksbühne übrigens auch nie auf den Gedanken gekommen, eine zu werden), sondern studierte in Berlin und ging prinzipiell in jede Volksbühnen-Premiere. Der persönliche Seminarplan wurde nach den Vorverkaufszeiten am Rosa-Luxemburg-Platz ausgerichtet. Egal, ob Theaterwissenschaftler, Philosophin oder Juristin in spe: Man pilgerte mit der gleichen Selbstverständlichkeit in die Volksbühne wie in den Eimer oder das Delicious Doughnuts. De facto dürfte mit der Castorf-Intendanz die weltweit einzige Theater-Ära ohne Hipness-Gefälle zum Rest- Nachtleben enden.

Nach der Vorstellung. Die Volksbühne bei Nacht.
Nach der Vorstellung. Die Volksbühne bei Nacht.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Tatsächlich habe ich von Castorfs zwanzig Jahre alten „Webern“ tiefenschärfere Bilder im Kopf als von vielen Abenden, die ich landauf, landab im Laufe der aktuellen Saison gesehen habe. Unvergessen, wie Henry Hübchen, als Fabrikant Dreißiger final am Schnürboden aufgeknöpft, gefühlte zwanzig Meter über dem Bühnenboden plötzlich in die spektakulärste Luftzappelrocknummer ever ausbricht. Oder wie Kathrin Angerer live die Schlussszene von Quentin Tarantinos „From Dusk till Dawn“ kommentiert und dabei in einem goldenen Glitzerkleid und dieser unvergleichlichen Volksbühnen- Mauligkeit George Clooney anschmachtet. Und, natürlich, wie die Familie Baumert – Castorfs „Weber“ spielten zumindest auf einer ihrer Ebenen kurz nach dem Mauerfall – den Flieger nach Mallorca verpasst, weil Jürgen Rothert als Vater Baumert nach vierzig Jahren Mangelwirtschaft das gute neue „Fleescherne“ nicht verträgt und in seine frisch erworbenen Deutschlandfahnen-Shorts kackt.

Der Ost-Diskurs ist immer auch ein West-Diskurs

Das Interessanteste am sogenannten Berliner Theaterstreit zum kommenden Intendanzwechsel am Rosa-Luxemburg-Platz waren für mich eigentlich die Missverständnisse, die er zutage gefördert hat. Erstaunlich etwa, wie dieser Ost-Diskurs, den die Volksbühne seit jeher führt und der ja gleichzeitig immer auch ein West-Diskurs ist, im öffentlichen Medien- und Meinungsbild plötzlich zum Image von der Volksbühne als Ost(algie)- Bunker verkürzt wurde.

Vor ein paar Tagen lief mir eine frühere Kommilitonin aus der Vorverkaufsschlange über den Weg und fragte ganz aufgeregt, ob ich gewusst hätte, dass Frank Castorf Ostler sei. Sie hatte das gerade in einem der Debattenbeiträge gelesen. Das ist vielleicht naiv und in jedem Fall theaterdiskursunbeleckt, andererseits aber nicht das schlechteste Indiz dafür, dass die Erfolgsgeschichte der Volksbühne gerade darin besteht, solche Kategorien schon vor 25 Jahren hinter sich gelassen zu haben; inhaltlich, ästhetisch und personell.

Ich glaube, die Volksbühne ist tatsächlich die einzige (künstlerische) Institution, die es geschafft hat, die DDR-Vergangenheit als kritische Diskursmasse, quasi im Brecht-Müller-Sinn, zu gebrauchen statt einfach nur erinnerungskulturell zu verwalten. In der Volksbühne ist die Ost-Prägung derart (selbst-)ironisch und großhirnaktivierend in alles hineindiffundiert und hat sich umgekehrt von allem infizieren und infiltrieren lassen, was ihr um die weltzugewandten postsozialistischen Ohren flog, dass daraus wirklich ein neuer, himmelsrichtungsübergreifend anschlussfähiger Dissidenzblick entstand.

Wohltuend schräge Typen rocken hier die Marathons

Wie der Foucault, den man früh im Philosophieseminar las, abends bei Pollesch in Gestalt von Martin Wuttke an der Currywurstbude lümmelte, hatte für die Münchner Kommilitonin denselben Originalitätsgrad wie für die Ostberliner. Und dass dieser Derrida, den man sich seit Monaten in der ambitionierten Arbeitsgruppe reinzog, abends mit dem Sexappeal einer Sophie Rois oder eines Bernhard Schütz auf Bert Neumanns legendärem Plastikgartenstuhl abrockte, wurde ebenfalls ohne regionale Einschränkungen als Positiv-Überraschung goutiert.

Überhaupt: Aus welcher Richtung man auch schaute, die Volksbühne war cutting edge. Egal, ob man an den Urteutonen Siegfried in den „bad born“ Nibelungen denkt, den Frank Castorf schon 1995 in aller Selbstverständlichkeit mit dem türkischstämmigen Schauspieler Birol Ünel besetzte, oder an die Schauspiel-versus- Performance-Debatte, die das Theaterbusiness zurzeit so heftig umtreibt. Die haben Frank Castorf, René Pollesch, Christoph Marthaler oder Christoph Schlingensief schon vor über zwanzig Jahren erledigt – ohne sie je thematisiert zu haben. Für die wohltuend schrägen Typen, die in diesem Haus die Marathons rocken, sind solche Kategorien einfach noch nie eine brauchbare Beschreibungsbasis gewesen.

Vor der Vorstellung. Der große Saal der Volksbühne mit Castorfs Schlussspiel-Bestuhlung.
Vor der Vorstellung. Der große Saal der Volksbühne mit Castorfs Schlussspiel-Bestuhlung.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Im Gegensatz zum vorigen Berliner Senat und vielen Kollegen bin ich übrigens auch nicht der Meinung, dass die Volksbühne diese Diskurskraft aufgebraucht hat. Nach der Talsohle um die Mitte der Nullerjahre herum, als sich wirklich niemand über eine Nichtverlängerung von Frank Castorfs Intendantenvertrag beschwert hätte, hat sich das Haus für mich noch einmal völlig neu erfunden. Die weithin prägendsten Theater-Innovationen der letzten Zeit – von Herbert Fritsch bis Vegard Vinge – wurzeln in der Volksbühne, die im vergangenen Jahrfünft nicht umsonst sieben Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. (DT und Gorki schafften das – nur mal zum innerberlinischen Vergleich – je zwei, BE und Schaubühne kein Mal.)

Der "Faust" ist ein paar Meter über State of the art

Ich war vor drei Tagen noch einmal in Frank Castorfs letztem „Faust“. Wieder so ein Endspiel. Das deutsche Gelehrten- als europäisches Kolonialismus-Drama und gnadenloses (Selbst-)Porträt des weinerlichen alten (weißen) Mannes. Das ist nicht nur literaturwissenschaftlich Avantgarde, sondern mit Valery Tscheplanowa, Martin Wuttke, Marc Hosemann, Sophie Rois, Lilith Stangenberg, Alexander Scheer, Frank Büttner, Daniel Zillmann und all den anderen auch schauspielerisch ein paar Meter über dem State of the art.

Am Ende, nachdem man noch einmal sieben ziemlich konkurrenzlos beglückende, anstrengende, aufwühlende, anregende Theater-Stunden miteinander verbracht hat, applaudieren sich Schauspieler und Publikum gegenseitig. Stehend, jubelnd, lachend, weinend, klatschmuskelkaterbeglückt. Niemand verlässt die Bühne, niemand den Zuschauerraum. Selbst Frank Castorf kommt zum Schluss, um sich, was er bei Premieren bekanntlich eher vermeidet, für seine Verhältnisse ausgiebig feiern zu lassen und seinerseits seine Schauspieler zu feiern.

Ich neige ja schon aus egoistischen Gründen nicht zum Berufspessimismus. Aber ich fürchte, es könnte sehr lange dauern, bis ein Theater neben dieser künstlerischen Topform je wieder solche unglaublichen Bindungskräfte entwickelt und so unglaublich geliebt wird.

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