Abschied von Dahlem (3) : Risse, Stürme, Gegengaben

Zwei Kom-Figuren erzählen von den schwierigen deutsch-afrikanischen Beziehungen der Kolonialzeit.

Das hohe Paar. Einst waren die beiden Holzskulpturen mit Kaurimuscheln und Glasperlen geschmückt.
Das hohe Paar. Einst waren die beiden Holzskulpturen mit Kaurimuscheln und Glasperlen geschmückt.Foto: Mike Wolff

In den Dahlemer Museen schließen sich langsam die Türen. Ab dem 11. Januar sind weite Bereiche des Museums für Asiatische Kunst sowie die Ausstellungssäle der Südsee und der nordamerikanischen Indianer nicht mehr zugänglich für Besucher. Andere Teile der Sammlungen, Mesoamerika, Afrika und die Welten der Muslime, folgen erst in einem Jahr. Eine Epoche endet, die Vorbereitungen für den Umzug ins Humboldt-Forum laufen an. Wir betrachten hier Artefakte, die Dahlem ausmachen – und vor der großen Reise bald aus dem Blickfeld verschwinden.

Spots leuchten die beiden überlebensgroßen Kom-Figuren an. Dramatisch treten sie aus dem Dunkel des Ausstellungsraumes heraus und bleiben doch rätselhaft, magisch. Die zwei Meter hohen Skulpturen bilden die Rücklehne zweier Stühle, doch zum Niederlassen waren sie nie gedacht. Die Sitzfläche ist viel zu klein dafür. Die sakrale Aura des idealisiert dargestellten Königspaares, seine herrschaftliche Bedeutung verbietet eine solch profane Handlung.

Links steht der Mann mit einem Palmweingefäß in der Hand, auf dem Haupt trägt er eine Haube, die an die Krone der ägyptischen Pharaonen erinnert. Die Frau hält einen Pflanzstock mit beiden Händen umfasst. Die Hocker zu beider Füßen zeigen eine Raubkatze und Büffelköpfe, einst Symbole Kameruner Adelsfamilien. Die Leiber der beiden Figuren sind nackt, ursprünglich trugen sie ein Gewand, in das dicht an dicht Glasperlen und Kaurimuscheln eingewebt waren, als Beleg ihres Wohlstands. Entkleidet offenbart sich ein Spalt, der durch den Korpus der weiblichen Figur geht. Zu solchen Rissen kam es immer wieder, weil das besonders harte Holz noch frisch bearbeitet werden musste. Die sich bildenden Risse wurden später mit Eisenkrampen zusammengehalten.

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Der würdevollen Ausstrahlung des Paares bleibt davon unberührt. Noch der heutige Besucher in Dahlem spürt die von den Skulpturen ausgehende Autorität, vermutlich waren es Ahnenfiguren, deren Bedeutung für das Königreich Kom kolossal gewesen sein muss – bis sie 1905 beim Sturm auf den Palast im Kameruner Grasland durch deutsche Kolonialtruppen gestohlen wurden. Die Rückkehr einer ähnlichen Figur vor dreißig Jahren wurde im Land mit einer Briefmarke gefeiert. Die heute in Dahlem gezeigten Figuren aber ließ König Yu damals durch Mitglieder seiner Werkstatt ersetzen, die vermeintlichen Originale verloren damit ihre rituelle Bedeutung.

Als authentische Objekte sind sie deshalb nicht weniger kostbar, auf dem Kunstmarkt würden heute Millionen für die Kom-Figuren gezahlt, die als Tür- und Hauspfosten zuvor den Königspalast zierten. Die Deutschen rafften damals zusammen, was ihnen als wertvoll erschien. Über Kolonialoffizier Caspar Hans zu Putlitz gelangten die Figuren nach Berlin. Ihr Diebstahl ist kein Ruhmesblatt der imperialistischen Vergangenheit des Kaiserreichs, das Völkerkundemuseum in Dahlem versucht das gar nicht erst zu verbergen. Im Rahmen einer „Probebühne“ beim Humboldt-Lab bildete das Königspaar ein Beispiel dafür, wie man nach dem Umzug ins Stadtschloss mit solchen Objekten umzugehen gedenkt.

Die imposanten Kom-Figuren erzählen nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch die des Museums als Hort kolonialistischer Aneignungen. Dass brutaler Raub nur eine Facette des Verhältnisses zwischen Deutschland und afrikanischen Stämmen war, demonstriert der schräg gegenüber platzierte Thron. Er stammt aus dem Kom benachbarten Königreich Bamum und ging 1908 als Geschenk des dortigen Regenten an den deutschen Kaiser, als diplomatischer Akt, wie man ihn heute noch zwischen Staaten kennt. König Njoya präsentierte sich damit gegenüber Wilhelm II. als gleichwertiger Bündnispartner. Als Gegengabe erhielt er ein Orchestrion; das Musikinstrument funktionierte jedoch nicht lange. Ihm wäre ein Gestüt in Brandenburg lieber gewesen, soll Njoyas Kommentar dazu gewesen. Der wirtschaftlichen Austausch florierte dennoch.

Gerade darin besteht die Herausforderung für das Humboldt-Forum: das Nebeneinander von Raub und Handel, Kunst, Repräsentation und Kult darzustellen. Die Kom-Figuren werden auch darüber wachen.

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