Abschied von Dahlem (4) : Die Pfirsiche der Unsterblichkeit

Der chinesische Kaiserthron wird im Humboldt-Forum neu inszeniert – mit feinstem Perlmutt unter spiegelndem Stahl.

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Das Prachtmöbel, auf dem sich Chinas Kaiser im 17. Jahrhundert im Palast bei Pansham niederließ.
Das Prachtmöbel, auf dem sich Chinas Kaiser im 17. Jahrhundert im Palast bei Pansham niederließ.Foto: Mike Wolff

In den Dahlemer Museen schließen sich langsam die Türen. Ab diesem Montag sind weite Bereiche des Museums für Asiatische Kunst, die Ausstellungssäle der Südsee und der nordamerikanischen Indianer geschlossen. Andere Teile der Sammlungen – Mesoamerika, Afrika, die Welten der Muslime – folgen erst 2017. Eine Epoche endet, die Vorbereitungen für den Umzug ins Humboldt-Forum laufen an. Wir betrachten hier Artefakte, die Dahlem ausmachen – und vor der großen Reise bald aus dem Blickfeld verschwinden. Der Kaiserthron ist die nächsten Monate noch zu sehen.

Der Kaiser hat wirklich darauf gesessen,“ betont Klaas Ruitenbeek, Direktor des Museums für Asiatische Kunst in Dahlem. Der chinesische Herrscher Kangxi, seit 1661 im Amt, und seine Nachfolger nutzten den perlmuttverzierten Thron, wenn sie auf der Fahrt in die Sommerfrische von Peking aus im Gebirge Station machten. Im Reisepalast bei Panshan stand das Prachtmöbel. Ein Meisterstück aus den kaiserlichen Werkstätten: breite Sitzfläche, kantige Form und ein filigranes Dekor aus Gold, schillerndem Perlmutt und farbiger Lackmalerei. Nirgends sonst in Europa gibt es Vergleichbares. Aber bislang kam der kapitale Kaisersitz nicht recht zur Geltung, in seinem kargen Kabinett im Dahlemer Museum. Im Humboldt-Forum soll das anders werden. Nur wie? Klaas Ruitenbeek zieht eine Raumskizze hervor. Die Pläne sind weit gediehen. Aber zuvor gab es Umwege, verworren wie die mäandernden Ornamente des kaiserlichen Thronensembles.

Das Projekt "Games of Thrones" schlug Denkschneisen

Die Experimentierwerkstatt des Humboldt-Lab hatte vier Künstler zum Projekt „Game of Thrones“ geladen, es brachte allerdings mehr deren Ideen als den historischen Thron zum Strahlen. Mit blutrotem Wachs übergossen, mit eigenwilligen Lampions belichtet, im Video verfremdet oder mit Metallgittern verstellt: Wirklich praxistauglich waren die Vorschläge nicht. Aber sie schlugen Denkschneisen. Statt wie geplant einen historischen Palastsaal im Museum nachzubauen, reiste Ruitenbeek 2013 nach Hangzhuo und sprach beim Architekten und Pritzker-Preisträger Wang Shu vor. Der acht Meter hohe 500-Quadratmeter-Saal für die chinesische Hofkunst des 17. und 18. Jahrhunderts wird nun von einer offenen, asiatisch geschwungenen Dachkonstruktion aus massiven Holzbohlen überfangen. Darüber spannt Wang Shu eine spiegelnde Stahldecke, verputzt eine Wand roh mit Lehm. Sinnliche Materialien kombiniert er klar und schnörkellos, bringt Moderne und Tradition zusammen.

Dem Thron gegenüber wird ein zehn Meter breites Buddhagemälde auf Seide ausgerollt, das bislang praktisch unbekannt geblieben ist. Hofmaler Ding Guanpeng schuf es 1770 für einen Tempel im Palastbereich. Denn der chinesische Kaiser war zugleich Hüter der Religion. Und er war ein gebildeter Kunstliebhaber.

Wie hoch die Ansprüche am Hof waren, verrät der Kaiserthron (der 1972 von dem Asiatikasammler Fritz Löw-Beer angekauft wurde) bis ins kleinste Detail. Tausende hauchdünner Perlmuttscheiben fügen sich zu schimmernden Bilderzählungen. Rosa, grün und silbrig blitzen sie, führen den Blick in die Irre und schaffen eine träumerisch-transzendente Atmosphäre. Auf dem Paravent hinter dem Sitz schwebt von oben die zierlich-elegante Göttin Xiwangmu auf einem Phönix herab. Die „Acht daostischen Unsterblichen“ empfangen sie unten auf einer Terrasse im „Westlichen Paradies“. Dieses von einer Goldmauer umschlossene Gefilde dachten sich die Chinesen einst im äußersten Westen ihres Landes. Unzählige Märchen und Legenden ranken sich darum, wie die „Unsterblichen“ ihr ewiges Leben erlangten. Manche verzehrten pulverisiertes Perlmutt, andere aßen das unvergängliche Gold. Beide Materialien vereint der Berliner Kaiserthron zu einer in der chinesischen Kunst seltenen Kombination.

Nur einmal in 6000 Jahren reifen im „Westlichen Paradies“ die „Pfirsiche der Unsterblichkeit“. Dann lädt Xiwangmu die Götter und Menschen zum Festmahl, serviert Affenlippen, Drachenleber – und zum Dessert Pfirsiche, die ewiges Leben schenken. Auf der Rückseite des Thronparavents reifen sie an einem knorrigen Baum. Wer auf der breiten Sitzfläche Platz nimmt, ist der Unsterblichkeit also schon nahe. Ein Status, der am ehesten dem Kaiser als einem „Sohn des Himmels“ gebührte.

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