Kultur : Abschied von den schönen Barbaren

Tod eines Kapitalismuskritikers: Vor 30 Jahren wurde der Autor und Filmemacher Pier Paolo Pasolini ermordet aufgefunden

Marius Meller

Pier Paolo Pasolini gehört zu den Künstlerfiguren, deren Todesumstände sich so passgenau in ihr Werk zu fügen scheinen, dass unmittelbar eine mythische Dimension entsteht. Wie der englische Romantiker Shelley, der bei La Spezia in einer Schaluppe Gedichte deklamierend in den Sturm hinausfuhr und ertrank. Wie Heinrich von Kleist, dem „auf Erden nicht zu helfen“ war und der sich samt todkranker Freundin am Berliner Wannsee ins Jenseits beförderte. Oder wie Franz Kafka, der an Tuberkulose buchstäblich vertrocknete – wie sein berühmter „Hungerkünstler“. In der Mythisierung des Künstlertods überdauert das alte kulturelle Schema der Heldenvita und der Heiligenlegende.

Pasolini wurde in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 am Rande einer Barackensiedlung bei Rom brutal ermordet. Er hatte die Nacht mit einem Strichjungen verbracht. Am Morgen des Allerseelentages fand man den durch Fausthiebe, Tritte und Schläge mit einem Brett schlimm malträtierten Leichnam. Die Todesursache war ein geplatztes Herz. Der oder die Mörder waren vor der Flucht mit Pasolinis Alfa-Romeo-Sportwagen mehrfach über den am Boden liegenden Körper gefahren.

Nach dem Tod des streitbaren Linken und gnadenlosen Kirchenkritikers wurde über eine Verschwörung rechter Kreise spekuliert. Wegen der verstörenden De-Sade-Verfilmung „Die 120 Tage von Sodom“ hatte er Morddrohungen von Neofaschisten erhalten. Beweise fehlten. Der Strichjunge Pino Pelosi wurde damals zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Im Mai 2005 zog er öffentlich sein Geständnis zurück und machte dunkle Andeutungen über vier andere Täter, die mit Pasolini „abgerechnet“ hätten. Der Anwalt von Pasolinis Familie fordert seitdem, die Prozessakten neu zu öffnen.

Die Szenerie seines Todes war zutiefst „pasolinianisch“. Die Barackensiedlungen am Rande der Großstadt, die „Borgate“, waren sein zentraler Fantasieraum. Wenige Meter vom Ort seines Todes entfernt hatte Pasolini noch im Jahr zuvor Liebesszenen für seinen Film „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“ gedreht. Figuren wie der Strichjunge Pelosi bevölkern seine Gedichte, Romane und Filme, genauso wie das Motiv vom (Liebes-)Opfer. Die Szene seines Todes könnte direkt aus den neorealistischen Romanen „Ragazzi di vita“ (1955) und „Una vita violenta“ (1959) stammen, oder aus seinem genialen Filmdebüt „Accatone“ (1961).

In den Borgate suchte Pasolini eine vorchristliche Vitalität, ein „vorkatholisches Barbarentum“. Im Überlebenskampf der Vorstädte überdauerte in Pasolinis Augen der „Adel der Kaste, in der sich die Plebs, das römische Subproletariat, im Laufe der Jahrhunderte eingeschlossen hat“ – so schrieb er 1965. „Wo die Konventionen von den Regeln eines primitiven Egoismus diktiert werden, kann sich kein christliches Bewusstsein ausbilden.“ „Barbarei“ sei das Wort auf der Welt, das er am meisten liebe, und in den Borgate fand er die „Barbarei eines vorkatholischen Rom, mit ihrer epikureischen, stoischen Mentalität“.

In den Borgate suchte Pasolini natürlich auch den schnellen Sex, der für ihn, scheinbar paradox, eine heilige Dimension hatte – das Gegenteil von konsumistischer Geschlechtlichkeit, die er leidenschaftlich bekämpfte. Aber sie waren vor allem der archimedische Punkt seiner Kulturkritik, die mit einiger Verspätung auch in Deutschland rezipiert wurde, wo Pasolini zuvor hauptsächlich als Filmemacher bekannt war: Als 1978 der Verleger Klaus Wagenbach die „Freibeuterschriften“, eine Sammlung von Zeitungskolumnen, in Deutschland herausbrachte, eroberte Pasolini posthum die deutsche Linke im Sturm. Nach der Desillusionierung durch den „Deutschen Herbst“ und die irren Apokalyptiker der „RAF“ war man empfänglich für die als anarchisch empfundene Fundamentalkritik der Konsumgesellschaft, die nach wie vor auf eine spezifisch Pasolinische Weise mit marxistischen Versatzstücken arbeitete. Heute muss man im Rückblick wohl sagen, dass es sich hierbei um ein produktives Missverständnis gehandelt hat. Dem Marxismus hielt er nur im Kult um sein geliebtes Proletariat die Treue. Die „neue Welt“ des Arbeiters, deren Wohlstand für alle aus den Proleten de facto Kleinbürger machen würde, lehnte er jedoch aus fundamentalen, aus ästhetischen Gründen ab. Der Marxismus als Lehrgebäude schien ihm ebenso dogmatisch wie die Sinnenfeindlichkeit der katholischen Kirche. Aber der anarchische, eben irgendwie freibeuterische Duktus bedeutete für viele Linke eine willkommene Verschnaufpause vom Revolutionären, eine Projektionsfläche für immer begriffslosere linke Ideenreste – parallel zu den Schriften der gleichzeitig in Mode kommenden französischen Poststrukturalisten.

Die Achtundsechzigerkritik Pasolinis war brachial. Er stellte sich bei den römischen Demos auf die Seite der hübschen Polizisten, der „wahren Arbeiterkinder“. Die „Langhaarigen“ mit ihren für Pasolinis Ohren hohlen Revoluzzerphrasen erkannte er – hellsichtig – als Katalysatoren des totalen Konsumismus, als Vorboten eines „kulturellen Faschismus von links“. Pasolinis ästhetischer, quasi mystischer Marxismus und seine brutale Kapitalismuskritik waren – das sieht man heute deutlicher – radikal konservativ. Nachdem er in seinen großen Filmen (wie auf andere Art auch seine Kollegen Fellini und Rossellini) der vorchristlichen, mythischen Mentalität Alteuropas nachgespürt hatte, ging es ihm nach dem Wirtschaftwunder und der absehbaren Verbürgerlichung der Unterschichten um eine Heiligung der Alltagswelt. Der Film „Teorema“ (1968) konfrontiert eine großbürgerliche Familie mit einem göttlichen Besucher (Dionysus, Christus?) und inszeniert eine kollektive, sexuell-spirituelle Bewusstseinsveränderung.

Mit Pasolini entdeckte die Linke das Erzkonservative als ein neues Spielfeld – eine Entwicklung, die Phänomene wie die linke Carl-Schmitt-Rezeption oder die Formierung der ökologischen Bewegung umfasst. Wäre der heilige Pasolini heute, wenn er nicht sein Martyrium erlitten hätte, ein melancholischer Mentor von Attac wie sein Landsmann Giorgio Agamben? Oder hätte er doch eine poetische Seite des Konsumismus entdeckt? Seine subproletarischen Jünglinge hatten jedenfalls schon zu Lebzeiten Pasolinis den unübersehbaren Nachteil, dass sie von nichts anderem träumten als von einem durch und durch bürgerlichen Leben.

SEIN LEBEN

Pier Paolo Pasolini

wurde 1922 in Bologna als Sohn eines Berufsoffiziers und einer Lehrerin geboren. Er arbeitet zunächst als Lehrer in Rom, tritt in die Kommunistische Partei ein, schreibt Gedichte und Romane („Ragazzi di Vita“), ist Regieassistent von Fellini und Bertolucci und dreht 1960 seinen ersten Film. Am 2. November 1975 wird er ermordet am Strand von Ostia gefunden.

SEINE FILME

Accattone (1961), Mamma Roma (1962), Das Evangelium nach Matthäus (1964), Teorema (1968, Foto), Medea (1969), Trilogie des Lebens (1970-74), Die 120 Tage von Sodom (1975). Anlässlich des 30. Todestags zeigt das Berliner Kino Arsenal bis zum 30. Dezember eine umfassende Retrospektive (Termine unter www.fdk-berlin.de).

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