Kultur : Abschied von der Kampfzone

Triumphales Ende der Marthaler-Zeit: Johan Simons erfindet am Zürcher Schauspielhaus Houellebecqs „Elementarteilchen“ neu

Ulrike Kahle

Sie stehen da, zwischen zwei Zuschauerfronten, und lächeln, lächeln, charmieren, flirten. Wer möchte nicht von André Jung sanft, von Robert Hunger-Bühler teuflisch müde angelächelt werden, von Sylvana Krappatsch ein freches Augenzwinkern, von Yvon Jansen einen süßen Blick erhaschen?

Chris Nietvelt, im Nadelstreifenanzug, mit reizendem holländischen Akzent, klärt uns auf: Wir sehen die neuen Menschen. Die Michel Houellebecq erfand, die in Zürich die schöne, die hart umkämpfte Marthaler-Ära beschließen. Es ist die letzte Inszenierung, eingerichtet von Johan Simons, dem neuen Regie-Star des deutschsprachigen Theaters aus Holland. Es ist zu Ende. Christoph Marthaler zieht nach Berlin, Stephanie Carp arbeitet ein Jahr bei den Wiener Festwochen, geht dann zu Castorf an die Volksbühne, und Anna Viebrock hat sich als Regisseurin entdeckt, doch nicht nur in Bayreuth arbeitet sie wieder für Marthaler als Bühnenbildnerin. Die Marthaler-Familie, sie wird sich immer wieder finden.

Der alte Mensch wie du und ich, ein überfälliges Auslaufmodell. Ertragbar vielleicht mit einer Dosis Chemie, gegen die Wohlstandsdepression, ein paar chirurgischen Eingriffen hier und dort, gegen das Fett, das Alter, die Sterblichkeit.

Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“ bietet die Radikallösung: Wir klonen uns selbst, mit einer vereinfachten, stabilen, reproduzierbaren DNS. Nur noch ein Geschlecht, endlich Gleichheit, keiner fällt aus dem Rennen nach Sex und Geld, weil er unattraktiv, nicht clever genug ist, keiner muss sterben. Den Roman – 1999 ein Sensationserfolg – nahm Frank Castorf auch schon einmal in bewährter Weise an sein dialektisch schlagendes Theaterherz und machte daraus eine Volksbühnenverwilderung bis zur Unkenntlichkeit.

Ganz anders Johan Simons. Genau, ja, genial ist die Theaterfassung des Romans von Tom Blokdijk und Koen Tachelt. Das Wichtigste extrapoliert, die Rückblenden zusammengefasst, scharfe Kontraste gesetzt. Die ungleichen Brüder, der einsiedlerische Molekularbiologe Michel (Robert Hunger-Bühler) und der sexbesessene Lehrer Bruno (André Jung), stehen bis zum äußersten Bühnenende voneinander entfernt und reden. Die drei Frauen – Janine, beider Mutter, und die jeweiligen Geliebten Christine und Annabelle – sitzen auf der zweiten Zuschauertribühne gegenüber dem eigentlichen Zuschauerraum, die Bühne von Jens Kilian ist eine Plattform aus gleichmäßig gewelltem hellen Holz.

Da müssen sie balancieren, da trippeln, stolpern, hinken die Fünf: auf unsicherem Grund. Könnte sein: wellenförmiger Sand, erstarrter Meeresboden, der Urgrund, aus dem die Menschen kamen. Und wir, die Zuschauer, hell erleuchtet, gehören dazu, sitzen den Spielern gegenüber, werden angesehen. ansehend. Während über Swingerclubs, Befriedigung und widerlichste satanische Sex-Mord- und Kannibalismus-Praktiken so deutlich geredet wird, so wie es geschrieben steht bei Houellebecq.

Johan Simons erweist sich als Spezialist für unspielbare Texte: eigentlich unmöglich, diese ausufernden Sexgelage auf der Bühne darzustellen, ohne komisch, peinlich oder pornografisch zu werden. Doch hier werden sie ruhig, ja beiläufig erzählt, die Schauspieler tragen Mikroports, und nach kurzer Warmlaufzeit fängt er an zu leben, der erzählte Roman, werden die Emotionen fühlbar, durch Blicke, Tonfall, minimale Gesten.

Eine Hand fährt an den Rücken, gleich wird Christine, die ebenfalls sexbessene Geliebte, die Bruno endlich gefunden hat, zu seinem großen Glück, der Rücken zerbrechen, wird sie gelähmt sein, sich im Rollstuhl aus dem Fenster werfen, sterben. Und Sylvana Krappatsch humpelt leicht gebeugt, die Hand auf dem Rücken, Rille tief, Wölbung hoch, den Wellen des Bühnenboden folgend, zu ihrem Platz, Resignation, Schmerz, Tapferkeit, in Haltung und Blick. Das ist eine seltene Wirklichkeit im Theater, fast eine Neuerfindung eines wahren, authentischen Theaterstils: minimalistisches Erzähltheater. Und das funktioniert natürlich nur mit so großartigen Schauspielern wie diesen, die mit einem Satz, einem Blick einen Abgrund sichtbar, spürbar machen können. Um Abgründe geht es hier, die beiden Männer, Bruno und Michel, Halbbrüder, wurden von ihrer 68-er Mutter bei den jeweiligen Großmüttern abgestellt. Während sie der Selbstverwirklichung, dem Sex mit jungen Männern frönt, werden aus ihren Söhnen einsame, verzweifelte Menschen. Sie versagen gegenüber ihren sie liebenden Frauen, Michel bei der betörend schönen Annabelle (Yvon Jansen), Bruno bei Christine, die ihn ins sexuelle Paradies eingeführt hat. Michel erfindet die Formel für den neuen Menschen. Diese Geschöpfe, wie Simons sie sieht, sind noch erschreckender als ihre Vorgänger – reduzierte Wohlfühlmaschinen. Wir werden uns wohl weiter plagen müssen mit Kinderkriegen und Ungleichheit, als Mann und Frau.

Johan Simons gastiert diese Woche im Berliner Hebbel am Ufer mit seinem holländischen „ Richard III“. Und im Herbst wird er an der Volksbühne einen Dostojewski inszenieren: den „Zocker“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben