Kultur : Abschied von der Lederjacke

GÜNTHER FISCHER

Manche Menschen müssen weite Wege gehen, um ans Ziel zu kommen.Musiker erst recht: Unterwegssein gehört zum Geschäft.Doch Peter Maffay mußte diesmal mehr als "sieben Brücken" überqueren, bevor er sein Projekt "Begegnungen" unter Dach und Fach hatte: In den USA, in Ägypten, Israel, Rumänien, Australien und in Berlin fand der Gutmensch aus Tutzing am Starnberger See diesmal seine musikalischen Mitstreiter.Weltmusik war sein Thema, und eine zweijährige Weltreise offenbar dazu notwendig.Ist Maffay also der letzte Mitreiter auf der modischen "World Music"-Welle? Wenn dem so wäre, käme Maffay tatsächlich zu spät: Vor Jahrzehnten schon adaptierte Eric Clapton den jamaikanischen Reggae, um ein Comeback zu starten.Später nutzte Paul Simon clever die Folklore Afrikas, um seine eigenen Songs gefällig auszustaffieren.Peter Gabriel gründete mit "Real World" gleich ein eigenes Label, um seine musikalischen Entdeckungen aus Indien, Pakistan und anderswo profitabel unter die Leute zu bringen.

So zu denken hieße aber, das Energiebündel Maffay gründlich zu unterschätzen: Auch wenn ihm viele seine Wandlung vom Schlagersänger (seinen ersten Hit "Du" verflucht er inzwischen) und "Steppenwolf" zum ernsthaften Musiker bis heute nicht glauben wollen, so verdient doch die Redlichkeit seines Bemühens Respekt.Deutschlands erfolgreichster Plattenverkäufer - bisher rund 30 Millionen Exemplare - hat billige Effekthascherei längst nicht mehr nötig: "Ein leiser Versuch, einen Denkanstoß zu geben", sei das Werk "Begegnungen", und, so Maffay weiter, "vielleicht nichts für Leute, die nur mit musikalischen Seifenblasen eine gute Zeit haben wollen".

Maffays größte Leistung ist diesmal seine Bescheidenheit: Im Gegensatz zu seinen berühmteren Kollegen Simon und Gabriel tritt er als Musiker und Komponist hinter seine Gäste zurück, singt und spielt lediglich begleitend mit.Die einzige Ausnahme auf der CD ist der Maffay-Song "Nessaja", der von keinem Geringeren als dem spanische Startenor José Carreras interpretiert wird.Maffays "Begegnungen" sind ein kühner Spagat der Kulturen.Und wie bei seinen vielen Häutungen zuvor - es sei nur an sein Kindermusical "Tabaluga" erinnert - halten die Fans ihm auch diesmal die Treue: Längst ist das Album mit Platin veredelt.

Die Tour zur Platte ist ein Maffay-Ereignis der Superlative.Es ist die aufwendigste Show, die er je auf die Bühne brachte.175 Mitarbeiter garantieren den technischen Ablauf, 32 Künstler aus fünf Kontinenten treten mit ihm auf - und fast alle sind, wie der rumänischstämmige Maffay selbst, keine eindeutigen Vertreter ihrer Kulturen."Yothu Yinid" ist ein Clan von Aborigines aus Nord-Australien, der sich westlicher Rockmusik verschrieben hat, ohne dabei auf ihre Didgeridoos zu verzichten; Noa, Sängerin aus Israel, ist eine in New York aufgewachsene Jemenitin jüdischen Glaubens; Sonny Landreth ein weißer (!) Cajun-Blues-Gitarrist aus dem Süden Amerikas und schließlich das junge Hiphop-Trio "Cartel", türkische Deutsche aus Berlin, deren Musik dem Musikverständnis Maffays so diametral entgegengesetzt ist wie keine andere.

Alle zusammen stehen sie da auf der Bühne, Juden und Araber, Türken und Deutsche, Aborigines, Afrikaner und Amerikaner.Und mittendrin Peter Maffay als Moderator einer weltmusikalischen Revue.Ungewohnterweise im Anzug: "Mit 16 war es die Lederjacke, der Gang, eine Sonnenbrille und die Möglichkeit, damit Mädchen zu beeindrucken" erzählt Maffay."Das brauche ich heute nicht mehr." Er spricht viel, interviewt seine Gäste, versucht seriöser zu wirken, als es sein müßte und vergißt vor lauter Ernsthaftigkeit ein wenig, daß Musik in erster Linie mit Unterhaltung zu tun hat: ein riesiges Tabaluga für Erwachsene.

Mehr als drei Stunden dauert Maffays Zurückhaltung, stellt er sich und seine Band in den Dienst der Kontinente umspannenden Völkerverbindung - erst im langen Zugabenteil folgen die obligatorischen Maffay-Hits wie "Eiszeit" oder "Sonne in der Nacht".Wiederum mit einer Ausnahme: Der Ex-"Karat"-Sänger Herbert Dreilich darf Maffays größten Hit, "Über sieben Brücken mußt du gehen", interpretieren.Maffay baut Brücken - diesmal in fünf Kontinente.Auch wenn er selbst so wirkt, als hätte er sich mit seinem Unterfangen, die ganze Welt auf kleiner Bühne zu vereinen, ein wenig übernommen."Ich habe keine Ahnung, nur eine Vision", beschreibt er denn auch sein Unternehmen."Ich stelle mir eben vor, daß solche Projekte das Verständnis füreinander fördern, eine friedvolle Koexistenz.Ob das funktioniert, ist eine andere Frage.Oder gibt es eine Alternative?" Nachsatz: "Barrieren gibt es nur in den Köpfen." Wieder ist die Versuchung groß, solche Vorstellungen als naiv abzuqualifizieren, aber wieder würde man ihm damit Unrecht tun.

Schließlich wirkt er auch bei solchen Sätzen ganz ernsthaft und redlich, der gute Mensch vom Starnberger See.Musiker müssen weite Wege gehen - und Peter Maffay ist noch lange nicht am Ziel: "Ich bin nach wie vor verdammt unruhig und will es auch bleiben." Er hört gerne klassische Musik, ganz besonders Joseph Haydn und Jean Sibelius, schleppt gerne Steine auf seinem Bauernhof in Mallorca und liebt seine Ranch in Kanada.Wer weiß, in welch entlegene Gefilde ihn seine Reise noch führen wird, welche Verwandlungen man ihm wieder nicht zutrauen wird.Von einem Teil des alten Maffay müssen wir uns wohl endgültig verabschieden.

Peter Maffay spielt heute und morgen um 20 Uhr sowie am Sonntag um 17 Uhr in der Max-Schmeling-Halle

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