Kultur : Abschied von der Verschwörung

Gerwin Klinger

Den "Dialog mit dem Islam" hat sich das Haus der Kulturen der Welt im aktuellen Programm zur Aufgabe gemacht. Angesichts der Tendenz, die Komplexität des Islam im Zeichen des Kreuzzugs gegen den Terrorismus auf die düsteren Stereotypen von Dschihad und Scharia einzudampfen, klingt das nach einem tapferen Minderheitsprogramm für Berufsmultikulturelle. Doch der Andrang bei der Veranstaltung über die "Kritik und Selbstkritik der ägyptischen Intellektuellen nach dem 11. September" war groß, so groß, dass die Kopfhörer für die Simultanübersetzung schließlich knapp wurden und die ausgelegten Thesenpapiere eilends nachkopiert werden mussten.

Verblüffend das Bild der aktuellen politischen und intellektuellen Debatte in Ägypten, das Journalist Ahmand Abdallah, in den 70er Jahren ein linker Studenten-Führer und heute in der "Ägyptischen Organisation für Menschenrechte", im Gespräch mit dem ägyptischen Politikwissenschaftler Amr Hamzawy entwickelten. Die klammheimliche Freude darüber, dass den arroganten USA am 11. September eine Lektion erteilt wurde, sei schnell verflogen, so Abdallah. Ausgerechnet von Seiten der kleinen Führungselite der gewaltbereiten Islamisten, die ihren Machtanspruch direkt von Gott herleitet, setzte deutliche Selbstkritik ein.

In einer Buchreihe mit dem bezeichnenden Titel "Korrektur der Begriffe" räumen die Führer der Islamisten Fehler beim Dschihad ein. Zudem kritisieren sie die Rolle der so genannten islamischen Aufseher, die über die korrekte Lebensführung wachen, geben Signale religiöser Toleranz an die Kopten-Christen und kündigen eine Initiative zum Stopp der Gewalt an. "Die Islamisten haben begonnen, Selbstkritik zu üben, und es gibt eine Korrektur hinsichtlich der Ideen und ihrer Ausführung", stellt Abdallah fest. Er zweifelt aber, ob die Selbstkritik "ehrlich" gemeint ist und der Islamismus sich tatsächlich von einer religiösen zu einer politischen Bewegung wandelt, oder ob es sich um "reine Taktik" unter dem wachsenden Druck der ägyptischen Regierung handelt. Hamzawy hingegen betont, dass es sich nicht um ein singuläres ägyptisches Phänomen handelt, sondern um eine innere Entwicklung des gesamten Islam. Er plädiert dafür, nicht die "Ehrlichkeit" der Islamisten zu diskutieren, sondern das, was sie produziert haben.

Trotz solcher kleiner Differenzen sind sich die beiden einig darin, dass es wichtig ist, die "moderaten Islamisten" in die Entwicklung zu einer demokratischen Zivilgesellschaft sozial einzubinden, schon um den extremen Islamisten das Wasser abzugraben. "Es gibt eine tatsächliche Hoffnung, auch wenn es noch lange hin ist, dass wir in der islamischen Welt einmal demokratische Islamisten haben, so wie es in der christlichen Welt demokratische Christen gibt", umreißt Abdallah seine politische Vision. Auf dem Weg zu einem demokratischen und pluralen Islamismus gelte es sich vom Feindbild einer westlichen Verschwörung zu lösen. Hamzawy ist zuversichtlich, dass das "unfruchtbare Muster", beständig die unfaire Politik des Westens zu beklagen, statt im eigenen Haus eine demokratische Kultur aufzubauen, durchbrochen wird. "Der Prozess läuft bereits."

Abdallah wiederum mahnt das Engagement des Westens auf diesem Weg an und kritisiert die doppelten politischen Maßstäbe der USA, die sich im Kampf gegen den Terrorismus auf diktatorische Regime wie in Pakistan stützen. "Erwarten Sie nicht, dass wir den islamischen Terror bekämpfen, indem wir eine Demokratie errichten, bei deren Errichtung Sie uns nicht helfen."

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