Kultur : Abschied von Einar Schleef: Stottern

Stottern. Von Einar Schleef

"Nietzsche - Ecce Homo - Schleef". So hatten die Salzburger Festspiele in ihrem "Zeitfluss"-Programm zwei Solo-Abende mit Einar Schleef für den 25. und 26. Juli angekündigt. Als Schleef in Salzburg nicht erschien, wurde die Veranstaltung wegen einer "plötzlichen Erkrankung" abgesagt. Damals aber war der Schriftsteller, Maler, Regisseur und Nietzsche-Darsteller schon mehrere Tage tot (vgl. Tagesspiegel vom 2. August). Schleef hatte vier Kinder von wechselnden Lebensgefährtinnen, sonst jedoch keine Anverwandten. Und als er sich im Juli zu einem vermeintlich kleinen Eingriff in ein Berliner Krankenhaus begab, hatte er niemanden verständigt. Nach seinem Tod am 21. Juli wandte sich die Klinik an das Amtsgericht, das erst letzten Mittwoch Schleefs Anwalt in Berlin informieren konnte. Ein Schock. Noch am 9. Juli hatte der von Herzerkrankungen und einem Gehirnschlag heimgesuchte Schleef der Hamburger Fotografin Karin Rocholl am Telefon erzählt, wie wiedererstarkt er sei, wie sehr er sich auf Salzburg freue und Gedächtnisstörungen durch das Textelernen und seine Konzentration auf den Auftritt bekämpfe.

Karin Rocholl hatte von Schleef offenbar auch die letzten Theaterbilder gemacht: in seiner letzten Rolle als Nietzsche, aufgenommen vor einem Auftritt im Hamburger Thalia Theater, Ende 2000. Bald danach brach der Hüne Schleef zusammen und musste im Januar 2001 seine Uraufführungsinszenierung von Elfriede Jelineks "Macht nichts" am Berliner Ensemble absagen. Mit freundlicher Genehmigung des Frankfurter Suhrkamp Verlags drucken wir hier nachfolgend Einar Schleefs Schlüssel-Text "Stottern" (aus der künstlerischen Autobiografie "Droge Faust Parsifal"). Bei Suhrkamp liegen im übrigen noch mehrere tausend Seiten unveröffentlichter Schleef-Tagebücher ab 1993, überschrieben "Kontainer Berlin". Eine Edition, auch eine Gesamtausgabe seiner Stücke, wird nun geprüft. Postum ist der Poet Einar Schleef jetzt auch mit dem Else-Lasker-Schüler-Preis der rheinland-pfälzischen Kulturstiftung ausgezeichnet worden. Begraben wird der Künstler, den Elfriede Jelinek bei der Todesnachricht ein Genie, vergleichbar nur Fassbinder, nannte, in seinem thüringischen Geburtsort Sangerhausen. In privatem Kreis, nächste Woche neben seinen Eltern, die Schleefs tragische, auch tragikomische Stücke, Romane, Erzählungen als deutsche Mütter-Väter-Inbilder durchgeistern. P.v.B.

Stottern. Von Einar Schleef

Man mag in den eigenen 4 Wänden rasen, in den Tiefgaragen, auf Hotelkorridoren, vor Fernsehern, in Toiletten, Küchen, im Straßenverkehr, aber wenn der Theatervorhang aufgeht, ist diese Welt in Ordnung. Wie ein Stotternder ist die Welt in Ruhe gebracht: Du sollst langsam sprechen. Beruhige dich. Sprich hintereinander. Hol erst Luft. Verschluck dich nicht, atme durch, überlege erst, dann kannst du nochmal von vorne anfangen. Dann geht es wieder nicht. Die Erregung lässt sich auch im Stotternden nicht korrigieren, er bricht seine Antennen ab, er bereitet sich vor langsam zu lügen, das Innengewebe knickt nicht schnell genug, die Antenne leistet noch Widerstand, verletzt, an der Bruchstelle Blut, er leckt sich den Finger, wütend spürt er den Schmerz, hört seinen Kiefer klappen, der unabhängig von ihm motorisch wird, der Stotternde braucht mehr Luft, wiederholt die einfache Bewegung, bis der Kiefer dem Gehirn gehorcht, bis die Zähne schmerzen, bis das Ohr das Klappgeräusch nicht mehr erträgt und abstellt: Alle sind scheu vor ihm gewichen, Amfortas steht, in furchtbarer Ekstase, einsam.

Der Wahrnehmungsschmerz muss geordnet werden, zuerst eine Verlangsamung, das Gehirn als Besatzer, 2 auseinandergebrochene Tempi müssen neu verschweißt werden, der Vorgang dauert an, er wird geübt, der Stotternde bringt sich in Ruhe, legt sich Bewegungen zu, beim Stehen, vor allem beim Sitzen, in der für ihn zunächst passivsten Haltung, die die meiste Kraft kostet. Er muss sich zurücklehnen, muss Beine und Hände zu einer Form zwingen, in der sich der Oberkörper noch bewegen kann, noch Zuckungen zulässt, ohne das abzugebende Bild mehr als nötig zu stören. Für den Stotternden ist dieser Vorgang entwürdigend, er beginnt vor den anderen zu lügen, er verbirgt den Knick, verbirgt die Beunruhigung, verbirgt, was ihn vor allen anderen auszeichnet. Für den Sprachgestörten beginnt nicht "Krieg", sondern Tarnung, zu der sich nur der bekennt, der unter ihr den eigenen Körper nicht verliert, sondern weiß, was die Zerstörung dem Gehirn und dem Körper bedeutet. Der Kurzschluss ist nicht im Mund, er ist zuerst im Gehirn, legt sich dann über den Körper, zuletzt in die Sprache, bricht sie kaputt, sodass den Sprechenden stärker beunruhigt, ob die Bruchstellen noch aneinander passen, denn sie stimmen nicht, das weiß er inzwischen, es gibt keine einfachen Brüche, die man mit Gedankenkleber zusammenpasst. Natürlich kontrolliert ein Stotterer sich, notiert Bruchstellen, sucht in Wiederholungen Ähnlichkeit, vergleicht, selbstverständlich ist der Gedankensprung zu fassen, doch dabei müsste er über sich selbst stehen, sich von oben betrachten, ein "Gesunder" einen "Kranken" beaufsichtigen. Die meisten kapitulieren deshalb, fangen an zu schreiben, lügen "Zusammenhang" in zeitlich abfolgenden Sätzen.

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