Abschiedskonzert: Rias-Kammerchor im Konzerthaus : Wolkenbruch und Götterzorn

Abschied mit Furore: Der Rias-Kammerchor singt unter der Leitung des scheidenden Chorleiters Hans-Christoph Rademann einen kraftvollen "Elias" im Konzerthaus.

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Hans-Christoph Rademann
Hans-Christoph Rademann verabschiedet sich mit "Elias" vom Rias-Kammerchor.Foto: Marijan Murat/dpa

Mit dem Gott des Alten Testaments ist nicht zu spaßen. In einer Welt, in der oben Götter und unten Volksstämme konkurrieren, muss er immer wieder mit einem Donnerwetter dreinschlagen, um die Bindung zu seinem Volk zu erzwingen. Naturkatastrophen reihen sich auch in der Geschichte um den Propheten Elias aneinander. Sie boten Felix Mendelssohn Bartholdy die Gelegenheit, in „recht dicken, schweren und vollen Chören“ zu komponieren. Als Gegenstück zu seinem sanften „Paulus“ vereinigt der „Elias“ die ganze Wucht eines Tonmalers, der durch die raue See der Hybriden schiffte.

Hans-Christoph Rademann hat sich Mendelssohn Bartholdys letztes Oratorium im Konzerthaus als Abschied vom Rias-Kammerchor erkoren, den er seit 2007 leitet. Damit kehrt er auch an den Beginn seiner Chefdirigentenzeit in Berlin zurück: Bereits in der ersten gemeinsamen Saison lag der „Elias“ auf den Pulten. Ein Werk, das nicht nur ausgesprochen effektvoll gesetzt ist, sondern auch eine große Fähigkeit zur Verinnerlichung fordert. Wie sollte einem sonst auch eine Titelgestalt nahekommen, die der Komponist selbst als „stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster“ charakterisierte.

Rademann agiert als aufmerksamer Zuhörer

Widersprüchlichkeit zieht sich durch den „Elias“, in dem das Volk vollmundig die Dürre beklagt, die über das Land gekommen ist und länger als drei Jahre währen wird. Schließlich will Gott alle Missetaten strafen, bis ins dritte und vierte Glied. Mittendrin ein zürnender Prophet, der seine Gegner zu Hunderten hinschlachten lässt. Thomas Oliemans singt diesen Elias ohne blinden Arg und Eiferer-Abgrund. Auch in der zerknirschten, lebensmüden zweiten Hälfte des Oratoriums bleibt sein Tonfall nobel und auf beinahe präsidiale Weise human. Mehr Mitleiden vermittelt Maximilian Schmitt anrührend in den Tenorpartien, Marlis Petersens Sopran verströmt sich seelenvoll, während Lioba Braun ihren Mezzosopran frei von Allüren der zweifelnden, leisen Brüchigkeit schenkt.

Rademann selbst steuert seinen fulminanten Chor und die Akademie für Alte Musik sicher durch die heraufziehenden Unwetter, oftmals mehr als Zuhörer denn als wirklich herausfordernder Dirigent. Doch die Ensembles harmonieren kraftvoll, und wenige kleine Wackler sind Ausläufer der Schwüle. Pünktlich zum Konzertende löst sie sich krachend in Blitz, Donner, Hagel und Regenfluten. Wer zürnt hier wem? Die Menge der Open-Air-Anhänger auf dem Gendarmenmarkt war zu diesem Zeitpunkt längst versprengt.


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