Kultur : Abschiedssymphonie

SYBILL MAHLKE

Auf Händen trägt der scheidende Chefdirigent das Solo des neuen jungen Soloflötisten, der con espressione seine Variation im Finale der e-Moll-Symphonie von Brahms erblühen läßt.Hinterher steht Gergely Bodoky dank Vladimir Ashkenazy im Zentrum des Beifalls - ein Zeichen dafür, daß aller Groll der vergangenen Monate ruht, weil er zu den Musikern und der Musik in solchen Momenten nicht paßt.Dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin soll Zukunft aufgehen, so ist die Botschaft zu deuten, die Ashkenazy mit seinem Abschied hinterlegt.

Die Trennungsschmerzen sind keine eingebildete Krankheit.Früher als geplant geht der Chef aus dem Amt, weil er Besseres für sein Orchester wollte, als er durchsetzen konnte.Es gehört zu seinem Wesen, sich kämpferisch für die Erhaltung von künstlerischem Lebensraum einzusetzen.Heute ist das DSO Teil der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH Berlin.Mit seinem Namen Radio-Symphonie-Orchester Berlin hat es ein Stück seiner Identität geopfert.Ashkenazy fühlte sich in der ganzen Kontruktion nie heimisch.Differenzen mit dem ROC-Intendanten Dieter Rexroth sind keine Geheimnisse.Daß Elmar Weingarten, "sein" Intendant, "den Verlockungen der Philharmoniker erlag", muß Ashkenazy einen Stich in die Musikerseele gegeben haben.Von den amtierenden Politikern Berlins, die sich zum 50jährigen Bestehen des Orchesters schriftlich geäußert haben - "verpflichtende künstlerische und moralische Kraft" der Anfangsphase unter Fricsay, "Kulturbotschafter", "Spitzenorchester", "internationaler Ruhm", der unter Ashkenazy erweitert worden sei -, läßt sich beim Abschiedskonzert des Chefdirigenten keiner blicken.Da ist eben manches schiefgelaufen.

Die Festschrift übrigens liegt seit 1998 vor, während das Jubiläum zwei Jahre früher fällig war, was auch nicht gerade perfekt aussieht.Der Titel, den sie trägt, ein historisches Markenzeichen zweifellos, hat mit der Hauptstadt und ihrer Neuzeit wenig zu tun: "Das andere Orchester".Das war einmal, als den Philharmonikern auf dem symphonischen Feld West-Berlins allein diese konkurrierende Nachbarschaft erblühte, beglaubigt durch die imposante Chefdirigentenreihe Ferenc Fricsay, Lorin Maazel, Riccardo Chailly, Vladimir Ashkenazy.Wer ist heute in Berlin das andere Orchester? Es gilt vielmehr, seinen Ort neu zu definieren unter den anderen, auf dem veränderten Markt.

Das Konzert in der Philharmonie ist geprägt von allem, was zu einem harten Schluß gehört: Emotionen, Nervosität in der Vierten von Brahms auf Kosten der feineren Scharniere der Partitur und überbordender Schwung des Dirigenten, der sich förmlich selbst hineinwirft in das Allegro giocoso.Als Erbe seiner zehnjährigen Ära seien neben grandiosen Aufführungen besonders der Werke Mahlers, auch außerhalb von Berlin, eine erworbene Homogenität der Streichergruppen bei zahlreichen Neubesetzungen und die gelungene Generationenmischung der Solobläser genannt, an diesem Abend vertreten durch Bodoky, Marie-Luise Modersohn, Jürgen Hollerbuhl, Jorg Fadle, Jörn Maatz, Barnabas Kubina und Samuel Seidenberg, Joachim Pliquett und Andrßs Fejer.

Für die Alpensymphonie von Richard Strauss bleibt ein Interpret wie Herbert von Karajan auf seine Weise verbindlich, weil er die Aura des Erhabenen, wie die Musik sie als höchste ästhetische Kategorie anstrebt, affirmativ übernahm.Ashkenazy durchschaut auch die "leutselige Komponente".Und je ehrlicher er durch das Gebirge der Komposition wandert, desto mehr scheint das Gemachte durch, die weite Lage der Instrumente eher als die Feierlichkeit der Natur.Der Hörer entdeckt womöglich, daß er nicht permanent erhoben sein, sondern lieber bei den Kuhglocken bleiben will.Was Ashkenazy aus der Raffinesse des Stückes liest, außer den seligen Dirigentenhöhen, zerfällt in die Regionen Weihe des Ortes und Fremdenverkehr.Keine falsche Lesart!

Das Werk endet in "Ausklang" und "Nacht".Dies darf kein Omen für die Verbindung des Deutschen Symphonie-Orchesters zu Vladimir Ashkenazy sein, der mit menschlicher Integrität, Bescheidenheit und persönlichem Einsatz immer zu seinen Musikern gehalten hat.Der Senat ehrte ihn im Oktober 1997 mit dem Verdienstorden des Landes Berlin.Jetzt erfreut sich Ashkenazy der Leitung der Tschechischen Philharmonie Prag, während das DSO keinen geringen Nachfolger in den Startlöchern sieht: Kent Nagano.Daß der Neue seinen Vorgänger gelegentlich für das Berliner Pult zurückgewinnt, erscheint als ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

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