Abschlussfilm : So ein Schelm!

Costa-Gavras’ „Eden à l’Ouest“ erzählt von illegaler Einwanderung - und erinnert ein wenig an einen modernen Schelmenroman.

Daniela Sannwald
Eden
Flüchtling. Riccardo Scamarcio in "Eden à l'Ouest". -Foto: dpa

Der erste Eindruck des gelobten Landes ist paradiesisch: Nachdem Elias vom Flüchtlingsboot gesprungen ist, das die Wasserpolizei aufbrachte, wird er an einem sonnigen Strand angespült. Kaum wieder zu sich gekommen, erblickt er Merkwürdiges: nackte Frauen im seichten Gewässer beim Ballspielen. Geistesgegenwärtig entledigt er sich seiner Kleidung und nähert sich ihnen vorsichtig. Durchaus erfreut, laden die Damen ihn zum Mitspielen ein. Und es ist nicht das einzige Angebot mehr oder weniger bekleideter Frauen, dessen sich Elias im Laufe einer langen Odyssee erwehren muss.

Der Flüchtling stammt aus einem unbekannten Land und steht, so will es Regisseur Costa-Gavras, für alle, die widrigsten Umweltbedingungen zum Trotz nach einer neuen Heimat suchen, wo sie bessere Lebensumstände finden als in ihrer eigenen. Costa-Gavras ist immer ein politischer Regisseur gewesen, hat Diktatoren in aller Welt und unterschiedlichster Gesinnung, die Nazis und die Kollaboration mit ihnen angeprangert, hat sich mit der Arbeit der Geheimdienste, dem Fall des Kommunismus und der Arbeitslosigkeit auseinandergesetzt; und sogar noch, wenn er von der Liebe erzählt, ist sie nicht leicht. Denn, so konstatiert der Regisseur: „Beziehungen sind immer politisch, ganz besonders zwischen Menschen, die nicht mehr jung sind. Ich mache mir wenig Illusionen über die Liebe.“

Mitunter erinnert „Eden is West“ an einen Schelmenroman – zu sehr gleicht Elias einem reinen Toren. Nicht nur sprachlos, sondern auch unfähig, die Sitten und Gebräuche sämtlicher durchreister Regionen zu verstehen oder die Codes der Kommunikation zu entschlüsseln, muss er sich allein auf das Wohlwollen seiner Kontaktpersonen verlassen.

Das sind vor allem Frauen – nicht nur die nackten Nixen im Luxus-Ferienresort, sondern auch eine deutsche Touristin (Juliane Köhler) auf der Suche nach einem Urlaubsabenteuer, die Elias praktisch in ihren Besitz nimmt: Sie füttert und beschützt ihn und schickt ihn dann, mit Geld und Hose ausgestattet, auf die Weiterreise. Elias fällt auf einen Betrüger herein und wird vorübergehend von einer allein erziehenden griechischen Mama. aufgenommen. Auch sie findet zumindest insgeheim Gefallen an dem jungen Mann; er fungiert als Auslöser einer Ehekrise bei einem reichen, älteren Paar; er landet als Arbeiter in einer Verschrottungsanlage für Fernseher, bekommt gute Ratschläge von LKW-Fahrern, findet Unterschlupf bei einer Gruppe von Roma und schafft es dann doch irgendwie nach Paris. Der Zauberer (Ulrich Tukur), als dessen Assistent er in der Ferienanlage einmal aufgetreten war, hatte ihm seine Adresse gegeben: Lido!

Es gibt sicher eine riesige Menge illegaler Zuwanderer in den nord- und westeuropäischen Ländern, und jeder Einzelne von ihnen mag Schlimmeres erlebt haben als Costa-Gavras’ pikaresker Held. Dessen Geschichte darf natürlich trotzdem erzählt werden. Angesichts der Brisanz des Themas und der Ignoranz aber, mit der die saturierten Bürger der wohlhabenden EU-Länder darüber hinweggehen, ist es schade, dass Costa-Gavras mit Klischees arbeitet: die unfreundlichen, kalten, sich voneinander abschottenden Privilegierten auf der einen, die armen, herzlichen, solidarischen Außenseiter auf der anderen Seite.

Hier die festlich beleuchteten Konsummeilen der Metropole, dort die Abwrackstationen der Warenwelt. Und auch: unabhängige, wohlhabende, sexhungrige Frauen gegen ausgebeutete, ungebildete, aber herzensgute Männer. An solch leeren Behauptungen erstickt „Eden is West“. Dass Costa-Gavras einer der letzten Protagonisten des klassischen Polit-Thrillers ist, merkt man dem Film wirklich nicht an.

14. 2., 19.30 Uhr (Berlinale Palast), 15. 2., 14.30 Uhr (Berlinale Palast) und 23 Uhr (Friedrichstadtpalast)

Der reine Tor auf der Reise durch Europa: Elias schlägt

sich durch, bis nach Paris

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