Kultur : Abschwellender Bocksgesang - Münchens Ballett lockt

Sandra Luzina

Ein Kontrastprogramm zum Festlichkeits-Fieber hat sich das Bayerische Staatsballett verordnet. Es plädiert für den zeitgenössischen Tanz und lockt zudem mit einem der großen Namen. Saburo Teshigawara choreographiert Strawinskys "Sacre du Printemps" - in München und nicht, wie geplant, in Frankfurt -, da reiste die ganze Schar internationaler Veranstalter an. Flankiert wird der "Sacre" von "The second detail" von William Forsythe, und mit Amir Hosseinpour, dem Iraner mit britischem Pass, wird obendrein ein Newcomer vorgestellt.

Hochgespannte Erwartungen also - und prompt blieb die Enttäuschung nicht aus. An Igor Strawinskys bahnbrechender Komposition haben sich große Choreographen immer wieder versucht, viele sind gescheitert. Saburo Teshigawara versucht sich nun als Hohepriester des Tanzes. Vor der entfesselten Klanggewalt aus dem Orchestergraben muss er aber kapitulieren.

Das "Frühlingsopfer" wurde in den siebziger Jahren gern als Feier des Eros dargeboten. Pina Bausch lenkte dann den Blick auf das ursprüngliche Drama der Sexualität. Anders Teshigawara: Der Japaner formuliert einen abschwellenden Bocksgesang. Amilcar Moret Gonzalez ist zwar ein berückender Faun in Synthetikfell-Hosen, der sich zu verführerischen Posen verbiegt. Das ist Huldigung an Nijinsky und zugleich modisches Zitat - die animalischen Jungs würden gut in die Techno-Clubs passen. Ein Frauenarm rankt sich empor, überhaupt sieht man neben Stoßen und Stampfen viel Geschlinge und Gewoge des Oberkörpers - soviel zum Thema Frühling und Erwachen der Natur. Nicht klar ist, wo Teshigawara in die Primitivismus-Falle tappt und wo es sich um Anleihen beim Ausdruckstanz handelt. Auf das zentrale Motiv des Opfers - bei Strawinsky ist die Erwählte die obligatorische Jungfrau - hat Teshigawara kaum einen Gedanken verwendet. Er belässt es bei dem üblichen Zittern und Zucken, das bebende Fleisch erzählt wenig von kreatürlichen Schrecken, von Schmerz und Lust.

Auch Amir Hosseinpour hat Strawinskys Musik nichts entgegenzusetzen. Der 1966 in Teheran geborene Choreograph gründete in London seine freie Tanzgruppe, daneben hat er bislang ausschließlich für die Oper choreographiert. Seine Version von "Petruschka" verzichtet auf Jahrmarktbudenzauber und Folklore-Zitat. Ein riesiger Totenschädel mit Narrenhütchen überragt die gelbe Tapetenwand: Wir amüsieren uns zu Tode? Fünf Protagonisten hat er in Pampers gesteckt. Daneben jagt er eine Gruppe Passanten über die Bühne, Plastiktüten schwenkend, so wie man es heute oft sieht - ja, die Welt ist ein Supermarkt! Hosseinpour entwickelt einen Code aus kleinteiligen rhythmisierten Alltagsbewegungen und Gesten. Was die Tänzer in einem rasanten Tempo darbieten, ist ein geläufiges Gestammel, ein enervierender Baby-Talk. Gefräßige nimmersatte kleine Monster vollführen ihr Zappelballett, doch der Choreograph will nicht nur unsere Infantilgesellschaft aufs Korn nehmen. Eine dickbäuchige Frau kreißt und gebärt einen deutschen Pass - was als Kommentar zum deutschen Geburtsrecht gedacht ist, erschöpft sich in einem Bühnengag. Beate Vollack, früher Komische Oper Berlin, wirft sich mit Verve auf ihren Part, sie ist die moderne Puppenfrau. Doch Hosseinpour zielt auf die Marionette in uns allen. Eine Zivilisation entseelter Automaten soll hier noch einmal vor Augen geführt werden, das Stück aber erschöpft sich in harmlosen Späßen, die Dramaturgie bleibt zudem in den Kinderschuhen stecken.

"The second detail", 1991 für das Kanadische Nationalballett kreiert, ist bereits das zweite Werk, das Frankfurts Ballettchef William Forsythe der Münchner Compagnie überlassen hat. Die Choreographie zu elektronischer Musik von Tom Willems zeigt Forsythe bei seiner Dekonstruktionsarbeit. Das Idiom des klassischen Balletts wird einem beständigen Um-Formen unterzogen. Ein überragendes Formbewusstsein ist für Forsythe charakteristisch, auch und gerade da, wo er Formzwänge unterläuft, herkömmliche Ordnungsentwürfe in Frage stellt - darin bleibt er an diesem Abend unerreicht. Doch die Tänzer erhalten auch reichlich Gelegenheit, ihre Virtuosität zu beweisen. Präzise und zugleich lässig absolvieren sie ihre vertrackten Bewegungen. Lisa Cullum, aus Berlin abgewanderte Spitzenkraft, demonstriert kühle Eleganz und stählernen Charme. Im zehnten Jahr ihres Bestehens präsentiert sich die Münchner Compagnie in bestechender Form. Für weitere Abstecher in den zeitgenössischen Tanz ist das Ensemble gut präpariert.

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