Kultur : Abstimmung mit den Ohren

Die Berliner Festspiele bringen Musiker aus fünf Kontinenten zu einem großen Klangabenteuer zusammen

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Von Carsten Niemann

Fang’ nie was mit Verwandtschaft an – so hieß lange Zeit das Motto bei vielen Ensembles. Dabei haben fast alle europäischen Orchesterinstrumente höchst interessante Brüder, Cousinen oder sogar Urahnen in anderen Kulturkreisen. Die aber nahm man bisher meist nur für Besuche von sehr absehbarer Dauer in die eigenen Reihen auf. Der niederländische Musiker und Komponist Joel Bons will dieser „ethnozentristischen Scheuklappenperspektive“ ein Ende machen: Er gründete das Atlas Ensemble, das die über den Globus verstreuten Mitglieder von sieben Instrumentenfamilien in einem völlig neuartigen Klangkörper zusammenführt.

Heute wird sich die 30-köpfige Formation im Rahmen der Berliner Festwochen mit fünf Uraufführungen (u. a. von erfahrenen Grenzgängern wie Theo Loevendie und Guo Wenjing) erstmals vorstellen. Vier instrumentale Familienmitglieder und ihre Spieler trafen wir schon vorab: An Hakan Güngörs Fingern blitzen drei silberne Ringe. Zwei von ihnen sitzen an den Zeigefingern und laufen jeweils in eine feine Spitze aus: Sie erleichtern dem 29-jährigen Türken das Spiel auf den 75 Saiten seiner arabischen Zither, der Kanun. Wie man dem Instrument mit den kunstvoll geschnitzten Rosetten Töne entlockt, hat sich Güngör zunächst selbst beigebracht. Es folgte das Studium am Konservatorium und rasch hatte sich Güngör einen n als flinker Virtuose gemacht, dessen ausgeprägten persönlichen Stil Kenner schnell heraushören. Eine Herausforderung an die Komponisten, einen solchen Künstler in ein Ensemble zu integrieren. Nicht alle von ihnen hätten von Anfang an die Möglichkeiten und Begrenzungen des delikaten Kanun-Klangs erkannt, meint Güngör. Und schließlich wollen auch die kleinen metallenen Hebel, mit denen seine Kanun gespickt ist und mit denen er feinste Mikrointervalle der arabischen Tradition exakt darstellen kann, irgendwann bewegt sein.

Auch wenn Yuan Sha mit ihrer Zheng weit von Hakan Güngör entfernt sitzt, sind ihre Zithern eng miteinander verwandt. Traditionell sei die Zheng mit ihrer 2000-jährigen Geschichte ein Soloinstrument gewesen, weiß Yuan Sha. Heute allerdings werde sie in China auch in Orchestern verwendet. Oft schon in der Schule lernten die Kinder die auf zwei Holzböcken ruhende Zheng zu spielen - und so kam auch die zierliche Yuan Sha zu ihrem gewichtigen Instrument. Während die Mitspieler noch die Pausen zwischen den Proben genießen, ist Yuan Sha bereits eifrig am Schrauben mit dem Stimmstock: Für jedes neue Stück haben sich die Komponisten nämlich eine eigene Methode ausgedacht, wie sich das fünftönige Stimmschema der Zheng „durcheinanderbringen“ lässt.

Das Streichinstrument, das Neva Özgen in den Händen hält, sieht mit seinen drei Saiten winzig und unscheinbar aus. Und doch hat die junge Frau beim Musikstudium in Istanbul schnell Flöte und Klarinette weggelegt, um sich mit ihrer kleinen Kemente dem Repertoire der klassischen türkischen Musik zuzuwenden. Was der Hauptunterschied zum westlichen Ensemblespiel ist? „In der türkischen Musik ist improvisiertes Spiel die Regel“, erklärt Özgen, die sich in die mündlich überlieferten Traditionen von ihrem Vater einweisen ließ. Das Spiel im Atlas Ensemble verbinde ihre Interessen an den beiden so verschiedenen Traditionen. Und wenn sie sich mit der kleinen Kemente im ausnotierten mehrstimmigen Satz behaupten muss, ist das für Özgen eine genauso spannende Aufgabe wie die, auch einmal über chinesisches Material zu improvisieren.

Der Cellist Jeroen den Herder schließlich sieht sich im Atlas Ensemble von entfernteren Verwandten umgeben: Die chinesische Kniegeige Erhu mit ihrer einzigen Saite gehört ebenso dazu wie die aus Fischhaut gefertigte Stachelgeige Kamancha aus dem Kaukasus. „Das verändert das Spiel“, sagt den Herder, „man muss sich anpassen und sich ein Stück weit fortbewegen vom westlichen romantischen Klangideal.“ Neben den verschiedenen Klangmöglichkeiten der besaiteten exotischen Cousins reizt den Spezialisten für Neue Musik besonders, dass die Tonleitern in der Musik der Verwandten gänzlich anders organisiert sind. Die Töne hätten die Komponisten zwar in westlicher Notation fixiert. Um aber Stil und innere Haltung begreifbar zu machen, die mit diesen Skalen verbunden sind, dafür reiche der Blick auf die Noten nicht aus. „Wenn du wissen willst, wie man das spielt,“ rät den Herder, „musst du halt deine Ohren benutzen.“

Heute um 20 Uhr im Kammermusiksaal.

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