Abstrakte Malerei im Me Collectors Room : Sessel, Sofa, Stehlampe

Der Sammler Thomas Olbricht zeigt im Me Collectors Room abstrakte Malerei. Er will die Betrachter dabei animieren, länger vor den Bildern zu verweilen.

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„Blue Mountain“ von Federico Herrero. Foto: Achim Kukulies
Tropische Geometrien. „Blue Mountain“ von Federico Herrero.Foto: Achim Kukulies

Drei Atemzüge lang, also elf Sekunden schaut sich ein durchschnittlicher Betrachter ein Kunstwerk in einem Museum an. Dies brachte eine Untersuchung der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen vor ein paar Jahren ans Licht. Weil Thomas Olbricht als Sammler in seinem privaten Ausstellungshaus Me Collectors Room in der Auguststraße alles anders machen darf als ein Museum, geht er mit charmantem Einfallsreichtum daran, diese Verweildauer zu verlängern. Er macht es den Besuchern seiner Ausstellung „My abstract world“ mit rund 70 Arbeiten abstrakter Kunst aus seiner Sammlung gemütlich. Stellt Sessel, Sofas und Stehlampen auf, legt Teppiche aus.

Wer will, kann sich einen Aperol Spritz oder einen Kaffee über einen altmodischen Telefonapparat direkt beim Museumscafé bestellen und sich der Illusion hingeben, all diese Werke hingen im eigenen Wohnzimmer – große Namen wie John M Armleder, Bernard Frize, Imi Knoebel, Robert Longo, Gerhard Richter oder Heimo Zobernig, aufstrebende Künstler der jüngeren Generation von Caroline Kryzecki bis Paul Fägerskiöld und David Ostrowski. Max Dax, Popkultur-Spezialist und Journalist, hat einen Soundtrack zur Schau zusammengestellt, den man sich kann auf das Smartphone herunterladen oder ab 16 Uhr in den dicht gehängten Räumen hören kann. Manche Lieder sind Dax’ subjektive Übersetzungen von Malerei in Musik, andere Stücke liegen auf der Hand. Rosemarie Trockel etwa soll im Studio Songs der Elektro-Avantgarde-Band Kreidler gehört haben. Bei Thomas Scheibitz drehte sich ständig das Melvins-Album „Electroretard“ im CD-Player.

Was ist Abstraktion? Diese Frage steht im Raum

Einen Zugang zur abstrakten Kunst über den Weg der Musik zu legen – warum nicht? Ungewöhnlich und unerschrocken ist das. Selbst die Kunstkataloge, die hier zum Stöbern und Mitnehmen ausliegen, wurden einfach in einem chaotischen Haufen auf den Boden gekippt. Wühltisch-Atmosphäre, die jegliche Hemmschwellen vor der mitunter hermetisch wirkenden abstrakten Kunst abbauen soll. Hier ist nichts nach Strömungen, Schulen oder einer Chronologie gehängt, auch wenn der Rundgang mit frühen Werken beginnt, darunter eine vibrierende Pünktchen-Malerei von Kuno Gonschior von 1967. Oder Sigmar Polkes „Mit kleinen schwarzen Quadraten“ (1968), eine spielerische Referenz auf Malewitsch und die Geburtsstunde der Abstraktion.

Farben und Formen antworten aufeinander, mal im Gleichklang, mal als Kontrast gehängt. Das kann auch ins offensichtlich Dekorative kippen, wenn ein Gemälde an der Wand in Strukturen und Farben perfekt mit den Kissen aus dem Museumsshop harmoniert. Katharina Grosses monumentales, buntes Spraybild wird umringt von Malerei, die sich in farbintensive Prismen zerlegt, wie Federico Herreros Abstraktion einer tropischen Berglandschaft oder Sarah Morris gerastertes „Universal (Los Angeles)“. „Foreign Land“ von Ali Banisadr schräg gegenüber gibt bei näherer Betrachtung ein flirrendes Figurenpanorama preis und bewegt sich damit an der Grenze zur Figuration. Was ist Abstraktion? Diese Frage steht hier unweigerlich im Raum. Olbrichts persönliche Antwort darauf findet sich in einem Frauenporträt von David Nicholson, das ebenfalls in der Schau hängt. Es ist eine Art Pin-up-Girl in altmeisterlicher Haltung, ein Männertraum mit prallen Brüsten. Hyperrealistisch – und deshalb abstrakt. So lässt sich das verstehen.

Me Collectors Room, Auguststr. 68, 14. 9. bis 2. 4.; Di bis So 12 – 18 Uhr.

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