Kultur : Absturz ins Freie

Von vieren, die auszogen, Schauspieler zu werden: „Die Spielwütigen“

Jan Schulz-Ojala

Diese Leute spielen nicht. Sie kämpfen. Gegen die Eltern, die ihrem Wunschberuf Schauspieler mal anstrengend verständnisvoll, mal nervend verständnislos, mal fühlbar ablehnend gegenüberstehen. Gegen ihre Lehrer an der Schauspielschule, die einen vielleicht zu brechen suchen oder bloß verachten, die nicht genau hingucken oder einen viel zu früh auf einen bestimmten Rollentypus, etwa die reife Frau, festlegen wollen. Gegen diesen komischen Filmregisseur schließlich, der erst als eine Art Freund kommt und dann ganz andere Sachen von einem erfahren will als die, die man dringend loswerden muss, und der schließlich oberneugierig im Weg rumsteht, als es einem ernst wird mit dem Leben. Halt, das eigene Leben spielen wir nicht, das wenigstens nicht!

Doch da haben sie, am Anfang jedenfalls, ihre Rechnung ohne Andres Veiel gemacht. Auch er ist ein Kämpfer, einer der allerdings sanften Art. In seinen Dokumentarfilmen treibt er die Menschen unmerklich in ihre ureigenen Seelenkulissen, und wenn dann eine Wahrheit heraus ist, ist es für Einspruch zu spät. Prodromos Antoniadis zum Beispiel: Fast den ganzen Film über ist er wie postpubertär Dauersturm gelaufen gegen die bösen – oder auch nur lächerlichen – Dozenten der Schauspielschule Ernst Busch, und dann geht er plötzlich spielerisch seiner Wege, über New York mitten hinein in den deutschen Fernsehfilm. Oder Karina Plachetka: Sie hat es fast zu leicht mit ihren sanften Eltern aus dem Kölner Friseursalon, die sie in ihrem Berufswillen bestärken, geht auch wie traumwandlerisch sicher durch ihre Schauspielausbildung – und dann, nach ersten Erfolgen am Staatsschauspiel Dresden, spricht sie anrührend selbstmitleidlos über ihre Einsamkeit. Das Leben nur noch Theater, nichts weiter. Und weiter nichts.

Nichts geht simpel auf in Andres Veiels „Die Spielwütigen“, es sei denn die Spielwut selbst: die Lust der vier sorgfältig ausgewählten Protagonisten, für ihren einmal erwählten Selbstverwirklichungstraum (oder auch: Selbstentwirklichungstraum?) alles zu geben. Constanze Becker spielt sich aus behüteter Familienwelt eisern fort auf eine Bühne, deren Herausforderungen sie schon während des Studiums geradezu furchterregend großartig meistert. Stephanie Stremler dagegen geht fast als Verliererin an den Start: Sie nimmt fast 30 Anläufe bei Schauspielschulen und zwei bei „Ernst Busch“ und lässt sich auch von einem Sturz und langwieriger Zwangspause nicht beirren. Ihrem unverwechselbaren, irgendwie ungescheitelten Charme widersteht irgendwann keiner mehr.

Dieser Film lädt niemanden ein, Schauspieler werden zu wollen. Doch er plädiert auch nicht dagegen. Er zeigt bloß – immer konkret, niemals plakativ. Er interessiert sich vor- und umsichtig dafür, wie der Wunsch zustande kommt und wie er mit der Wirklichkeit zu kämpfen beginnt, Ergebnis inklusive. Er legt Nervenzellen frei und macht behutsam deutlich, wo es warum für wen gefährlich wird. Sicher, Veiel bleibt immer dicht bei seinem theatralischen Quartett, nimmt andere, oft harsche Perspektiven allenfalls als Gegenbild hinzu – aber muss man deshalb jede Schülermeinung und Schülerverzweiflung teilen? Sind schließlich erwachsene Leute, die sich da auf ein besonders sensibles und allzeit durch Regisseure und Publikum abstrafbares Fortkommen im Leben eingelassen haben. Und so ist „Die Spielwütigen“ auch kein Pamphlet gegen die deutsche Elite-Schauspielschule „Ernst Busch“, als das manche den Film jetzt gern lesen. Allerdings auch kein Werbetrailer für diese Institution, die so unterschiedliche Talente wie August Diehl, Fritzi Haberlandt, Nina Hoss und Devid Striesow geformt hat – um nur ein paar der jüngeren Auch-Filmschauspieler zu nennen.

Sieben Jahre – vom schütteren Eltern-Applaus beim Üben fürs erste Vorsprechen über die vier Schuljahre bis zu den ersten Bühnen-Engagements – hat Veiel seine Schützlinge in ihrem Kampf gegen die Welt und um sich selbst begleitet: so prachtvoll und pathetisch auch im Intimen, wie es die Bühne erfordert, und so intim auch im Pathos, wie es nur die Filmkamera erlaubt. So sind aus 250 Stunden Material über 100 Minuten und manche packende Schweigesekunde entstanden, eine ins Psychogramm eines Berufbilds gekleidete, manchmal fast zärtliche, niemals langweilende Erforschung des immer hochexplosiven Konfliktfelds zwischen Lebenstraum und Leben.

Und sie kommen gut voran, unsere Testpersonen; fast zu gut vielleicht irgendwann für ihren Regisseur. Denn auch im Kampf um die Selbstausstellung schärfen die angehenden Verstellungskünstler unmerklich ihre Waffen. Die gefährlichste Hürde – das Wahrhaftigkeitsgebot vor der Dokumentarfilmkamera – nehmen sie am Ende, wie sie es gelernt haben: spielend.

Cinema Paris, fsk am Oranienplatz,

Hackesche Höfe, International und Yorck

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