Kultur : Abwarten und rauchen

Flotter Saisonstart am Hamburger Thalia Theater: Armin Petras inszeniert Dürrenmatts „Versprechen“

Katrin Ullmann

Einen Schluck Kaffee und eine Zigarette noch, dann dreht sich Chrissi (Fritzi Haberlandt) um und weckt die Vergangenheit. Weckt den schlafenden Hauptkommissar Gerd Schwarz (Peter Kurth). Und die Geschichte beginnt von vorn. Es ist die Geschichte eines ermordeten Mädchens, eines grausames Verbrechens und eines fatalen „Versprechens“.

Es ist eine Geschichte von Friedrich Dürrenmatt. Besser bekannt als „Es geschah am hellichten Tag“, mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe. Mit dem Film, dessen Drehbuch er 1957 geschrieben hatte, war Dürrenmatt recht zufrieden – nur nicht damit, dass der Mörder am Ende gefasst wird. So schrieb er den Roman „Das Versprechen“. Darin wird der Kommissar langsam wahnsinnig.

Armin Petras hat die Figuren umbenannt und mit der Bühnenadaption die Spielzeit des Hamburger Thalia Theaters eröffnet. Petras erzählt die Geschichte im kühlen, meist bühnenverschneiten Rückblick. Von der bauchnabelfreien Betriebs-Abschiedsfeier für Gerd Schwarz, der sich aufmachen will nach Jordanien, bis hin zu seinem leichtherzigen Versprechen, den Mörder zu finden. Doch Schwarz’ eklig eifriger Kollege Henning (Peter Moltzen) ermittelt schneller als die Polizei erlaubt. Tief greift er in die Psycho-Trickkiste, und so ist der kleine, dicke Tobi (großartig: Thomas Schmauser), der bei einem Ausflug mit seinem Kühlschrank-Schneemobil jene Mädchenleiche fand, bald der geständige Mörder. Doch als er sich kurz darauf erschießt und mit blutigem Gesicht am Kühlschrank klebt, beginnt – zumindest für Gerd – der Fall von vorn.

Erneut befragt er Lehrer, Mitschüler und die Großmama des Opfers. Bis ihn sein Chef (Harald Baumgartner) entnervt suspendiert und Schwarz eine psychologisch bedeutsame Zeichnung des Mädchens findet. Still denkt Gerd an einen Serienmörder, raucht und sucht sich einen Köder. Er bezieht eine Tankstelle, nimmt eine Kellnerin (Leila Abdullah) samt Tochter, Chrissi, hinzu. Und wartet. Und dreht durch.

Vom Bühnenrand erzählt Chrissi all das, was um sie herum geschieht und geschah – und manchmal taucht sie selbst ein in das Bühnenstück und wird zu dem Mädchen von damals. Zu dem Schulmädchen im knallroten Kleid. Susanne Schuboth hat für den Krimispaß einen beinah leeren Raum entworfen. Ein Holzboden rollt sich in den Bühnenhimmel. Hin und wieder flirren Birken-Projektionen drauf. Ein paar Stühle, ein Tisch, ein ausgestopftes Reh, ein Luftballon. Mehr braucht Armin Petras nicht. Sein spielfreudiges Theater lebt von der Behauptung. Von kleinen Zeichen mit großer Bedeutung. Vom Beieinander von Tragik und Komik, High-End und Trash. Ob Kommissariat, Klassenzimmer oder Tankstelle: Alles wird scheinbar schnell dahergezaubert.

Doch bei fortwährender akustischer Untermalung – Sir Henry (Musik) greift zu Pink Floyd und, etwas plump, zur „Fargo“-Filmmusik – verliert sich Petras bald in Nebensachen. Allzu detailverliebt belebt er die Randgeschichten, charakterisiert die Sekretärin, den Polizisten und Tankstelleneigner und vergisst darüber seine eigentliche Hauptfigur, den Kommissar. Der soll ja in den Wahnsinn driften, doch das bleibt unbemerkt.

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