Kultur : Abwarten und Sangria trinken

Eine konzertante „Carmen“ in der Philharmonie.

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Hie und da haben Budgetzwänge auch ihr Gutes. Kann doch eine kleine Geste oder ein verächtlicher Blick weitaus größere Wirkung zeigen als so manch bemühter Kostüm- und Bilderreigen. Wie verzichtbar klischeehafte Zigeunerromantik ist, beweist die konzertante „Carmen“ des jungen Berliner Chors Cantus Domus und des Studenten-Sinfonieorchesters Marburg. Die jungen Stimmen bringen eine ungekannte Frische in die Chorpartien etwa der Fabrikarbeiterinnen oder der Soldaten, bestens einstudiert zumal, differenziert in Dynamik und Phrasierung, homogen im Klang.

Ein Stolperstein ist dagegen die unterschiedliche Qualität des Orchesterspiels. Die hohe Kunst des Begleitens will gelernt sein, denkt man bei trägen Übergängen und genereller Reaktionsschwäche, die so manche agogische Subtilität des überragenden Solistenensembles verpassen oder gar vereiteln. Auch der Dirigentenwechsel nach der Pause von Ulrich Manfred Metzger zu Ralf Sochaczewsky vermag da wenig auszurichten.

Lässig und ungerührt wie Ulrike Mayer als Carmen der Dinge harrend im Stuhl sitzt, singt sie ihre Partie: mühelos und erhaben. Josés (Michael Zabanoff) rührend eindimensionale Aufrichtigkeit steht dagegen scharf im Kontrast zu den stets mit einem Funken Selbstironie versehenen grandiosen Auftritten Escamillos (Alban Lenzen). Organisch fügt sich der launige, doch immer ernsthafte Kommentar von Herbert Feuerstein ein und erzeugt geschickt – mal mit historischer Kontextualisierung, mal im Dialog mit den Sängern – Nähe und Distanz zu einem Stoff, an dem der Zahn der Zeit so tüchtig nagt. Barbara Eckle

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