Kultur : Abwehr und Ausstieg

Holocaust, Hiroshima, Fukushima: Warum Japaner und Deutsche so unterschiedlich mit der Atomkraft umgehen

Hans-Jürgen Wirth
Nein danke. Am 11. September, ein halbes Jahr nach Fukushima, demonstrierten in Tokio 60 000 Japaner gegen die Atompolitik ihrer Regierung. Fotos: Reuters
Nein danke. Am 11. September, ein halbes Jahr nach Fukushima, demonstrierten in Tokio 60 000 Japaner gegen die Atompolitik ihrer...Foto: REUTERS

Auf den Supergau von Tschernobyl 1986 reagierten die Deutschen mit großer Angst, während die Bundesregierung die Gefahren zu bagatellisieren versuchte. Nach dem Erdbeben in Japan am 11. März dieses Jahres war das anders. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima löste keine panischen Ängste aus (der Ort des Geschehens war zu weit weg), wohl aber Besorgnis und Wut über die „Apokalypse-Blindheit“ der Atomkraftbefürworter. Politisch reagierten die Deutschen unmissverständlich, verhalfen den Grünen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bremen zum Wahlsieg und straften CDU wie FDP ab.

Auch die Bundesregierung verhielt sich anders als vor 25 Jahren. Innerhalb weniger Tage setzte Kanzlerin Merkel ein Ausstiegsszenario durch, mit dem Deutschland einzigartig in der Welt dasteht. In Japan hingegen rüttelt bereits der nächste Taifun an den Ruinen von Fukushima, während es erstmals größere Demonstrationen in Tokio gegen Atomkraftwerke gibt. Letzte Woche kündigte Energieminister Goshi Hosono eine breite öffentliche Debatte darüber an, wie Japan seine Abhängigkeit von der Nuklearenergie verringern wolle . Dort beginnt gerade, was in Deutschland fast schon abgeschlossen ist.

Die extrem unterschiedlichen Reaktionen auf Fukushima haben historische Ursachen. Mit der Erfindung der Kernspaltung und dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki im August 1945 war die Menschheit in eine neue Phase eingetreten. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte konnte sie sich selbst vernichten. Die Apokalypse ist seitdem kein religiöses Phantasma mehr, sondern eine reale Möglichkeit.

Die beiden Hauptverantwortlichen für den Zweiten Weltkrieg, Deutschland und Japan, erlebten den Krieg und seine Folgen als kollektives Trauma. Traumatisierend wirkten die totale Niederlage und die Millionen von Toten des eigenen Volkes, aber auch die Verbrechen an anderen Völkern und im Falle Deutschlands an den eigenen Bürgern. Beide Länder wurden bestraft: Japan mit zwei Atombomben, Deutschland durch seine Teilung.

Auch nach Kriegsende wiesen beide Länder Ähnlichkeiten auf. Beide suchten engen Anschluss an die USA und die westliche Welt, beide erlebten einen spektakulären wirtschaftlichen Aufstieg, verpflichteten sich in ihren Verfassungen auf eine defensive Ausrichtung ihres Militärs und verzichteten explizit auf atomare Bewaffnung.

Aber auch die Unterschiede fallen ins Auge. Bis heute existiert in Japan weder eine öffentliche Erinnerungskultur noch eine breite selbstkritische Auseinandersetzung mit den eigenen Kriegsverbrechen, speziell denen an der chinesischen Zivilbevölkerung. Während es in Tokio nur ein kleines, verstecktes Mahnmal für die Opfer der Atomwaffen gibt, findet sich das deutsche Mahnmal für die ermordeten Juden im Herzen Berlins, unweit des Parlaments. Mit dem Wiederaufbau von Hiroshima und Nagasaki konnten die Japaner dieses Kapitel ihrer Geschichte fast vollständig verdrängen. In Deutschland dagegen hielt die Teilung die Erinnerung an Krieg und NS-Zeit wach.

Zu den Unterschieden gehört auch, dass Japan radikal auf die Kernkraft als Energiequelle setzte und es keine nennenswerte gesellschaftliche Kontroverse über die friedliche Nutzung der Kernenergie gibt. Und das, obwohl Japan das erste und einzige Opfer von Atomwaffen ist und dichter besiedelt als die Bundesrepublik.

Die Diagnose von Margarete und Alexander Mitscherlich, die deutsche Nachkriegsgesellschaft leide an der Unfähigkeit zu trauern, traf nicht nur den seelischen Zustand der Deutschen, sondern beschrieb auch die Befindlichkeit anderer Nationen, die den Holocaust und Hiroshima verleugneten. Dabei spielte der illusionäre Glaube an die „friedliche Nutzung der Atomkraft“ eine zentrale Rolle. Das Abwehrmuster gab Albert Einstein vor, der wissenschaftliche Wegbereiter der Bombe. Einstein litt unter Schuldgefühlen, weil er den US-Präsidenten zum Bau der Atombombe aufgefordert hatte, damit dieser Hitler zuvorkommt. Dann wurde er Pazifist und vehementer Gegner der atomaren Rüstung, plädierte aber für die „friedliche“ Nutzung der Atomspaltung. Wie seine Kollegen, die Regierungen und die Öffentlichkeit erträumte er sich vom „ewigen Feuer der Atomenergie“ eine Quelle sauberer und billiger Energie. Diese Euphorie hatte sozialpsychologisch die Funktion, Hiroshima und Nagasaki besser verleugnen zu können.

Doch wie konnte sich der deutsche Sonderweg entwickeln? Die 50er Jahre hatten noch ganz im Zeichen einer Idealisierung der Nukleartechnik gestanden, aber in den 60ern kam es mit den weltweiten Protestbewegungen auch hier zu einem Konflikt zwischen der Abwehrhaltung der Älteren und der Experimentierfreudigkeit der Jungen. In Deutschland fiel der Generationskonflikt besonders heftig aus und hatte nachhaltige Folgen: In keinem anderen Land entwickelte sich aus der 68er-Bewegung eine so einflussreiche neue Partei wie die der Grünen. Und nirgendwo sonst stieg ein Exponent der 68er bis in höchste Staatsämter auf, wie Joschka Fischer.

Die Intensität dieser Generationskonflikte lässt sich nur vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit verstehen. Sie entzündeten sich am Vietnamkrieg, dessen Problematik die Flakhelfer-Generation nicht wahrzunehmen bereit war, weil sie sich mit Amerika überidentifizierte. Zugleich löste die Kritik der Studenten erstmals eine öffentliche, emotional bedeutsame Auseinandersetzung mit der Vergangenheit aus. Mit dem Protest gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner klagte die junge Generation auch die Nazivergangenheit ihrer Eltern an. So lässt sich jedenfalls die Schärfe der Auseinandersetzungen erklären, die in Deutschland einen unversöhnlichen Charakter annahmen.

In dieser Zeit wurde ein Prozess der Trauerarbeit, der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und der kollektiven Selbstverständigung in Gang gesetzt. Er ist gekennzeichnet durch Rückschläge und aufwühlende Einsichten. So entwickelte sich in Westdeutschland im Laufe der Jahrzehnte aus der „Unfähigkeit zu trauern“ eine lebendige, emotional und intellektuell herausfordernde Erinnerungskultur, die das Klima des Landes bis heute prägt. Ohne diese kollektive Leistung einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit wäre eine Mehrheit für den Ausstieg aus der Atomwirtschaft schlechterdings nicht denkbar.

Ist dieser Sonderweg Ausdruck einer German Angst, wie die Amerikaner es nennen, oder romantische Realitätsverkennung, wie die Franzosen uns attestieren? Handelt es sich gar um eine Form kollektiver Hysterie? Solche abschätzigen Interpretationen treffen meines Erachtens nicht zu. Aus sozialpsychoanalytischer Sicht ist vielmehr die Sensibilität der Deutschen hervorzuheben, die in der Erfahrung mit selbstkritischer „Erinnerungskultur“ ihre Ursache hat. In der Ablehnung der Atomkraft kommt ein Phänomen zum Ausdruck, das der Psychoanalytiker Donald Winnicott als „Fähigkeit zur Besorgnis“ bezeichnet hat: eine Kompetenz und Haltung, mit der sich Eltern um ihre Kinder kümmern.

Man könnte auch von einer menschlichen Grundhaltung sprechen, die sich zwar primär auf die engste Umgebung richtet, die aber auch gegenüber den Mitmenschen, Tieren, der Natur und der Umwelt empfunden werden kann. Die Fähigkeit zur Besorgnis ist eine Kombination aus Fürsorge und dem Bemühen, Gefahren abzuwenden; eine Mischung aus Ängstlichkeit, Verantwortungsgefühl und Zuwendung.

Dieser Fürsorge folgt auch die Anti-Akw-Bewegung, indem sie die Verantwortung gegenüber der Natur und den nachfolgenden Generationen ins Zentrum ihrer Argumentation gestellt hat. Offenbar hat die Nazi-Vergangenheit viele Deutsche für die Gefahren sensibilisiert, die von politischen Allmachtsfantasien ausgehen. Dort, wo Schuld- und Schamgefühle über die deutschen Verbrechen bewusst ausgehalten wurden, wo Trauer und Depression über zugefügte und erlittene Verluste und Leiden nicht verdrängt, sondern erinnernd zugelassen und bearbeitet werden konnten, eröffnete sich die Chance einer geschärften Sensibilität für gesellschaftliche Gefahrenpotenziale.

Das kollektive historische Trauma des Nationalsozialismus hat bei den Deutschen ein grundsätzlich prekäres Verhältnis gegenüber existenziellen Fragen zur Folge. Das bringt die Gefahr mit sich, dass auf gesellschaftspolitische Probleme nicht offen und lernbereit reagiert wird, weil es die Abwehr der deutschen Vergangenheit gefährden könnte. Andererseits erhöht es die Bereitschaft zur Betroffenheit bei sich ankündigenden oder eingetretenen Katastrophen. Mögliche Gefahren werden in Deutschland deutlicher wahrgenommen, es wird entschiedener reagiert als von anderen Nationen. Ebendies erleben wir seit Fukushima.

Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker und lehrt Sozialpsychologie an der Uni Frankfurt. Von ihm ist das Buch „Narzißmus und Macht: Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik“ erschienen (Psychosozial-Verlag, 439 S., 19,90 €).

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