Kultur : Abziehen!

Vom Opfer zum Mörder in 98 Minuten: „Knallhart“

Jan Schulz-Ojala

Michael, den alle Polischka nennen, hat gleich dreimal die Arschkarte gezogen. Mit seiner Mutter, die fünfzehn war, als er geboren wurde, ist er erstens gerade rausgeflogen aus der Villa eines Dr. Peters, dessen Geliebte sie eine kleinefeine Zeit lang war. Zweitens ist der Umzug aus Zehlendorf, wo es hochwahrscheinlich mehr Gymnasien als Dönerbuden gibt, in den Altbaukiez von Neukölln mit einem rasanten Sozialabstieg verbunden. Letzterer wäre noch verschmerzbar, wenn die neuen Neuköllner Mitschüler und Nachbarkids ihn nicht drittens wegen seiner Teilzeitherkunft brutal bashen würden. Denn Neukölln mag tough sein. Zehlendorf aber ist das Allerletzte.

Wie kommt man da klar, wenn man fünfzehn ist wie Polischka? Klar, erst mal gar nicht. Man bekommt in die Fresse, wo’s geht. Immer wieder rotten sich Typen um einen rum, reden, rempeln, rüpeln, schlagen zu – das geht schneller, als du alle Dönerbuden in Zehlendorf aufzählen kannst. Und schon wird dir das Handy abgezogen und das Geld und die Jacke, und wenn du Pech hast, darfst du mit blutender Nase und auf Strümpfen nach Hause gehen. Aber was heißt schon zu Hause: Bestimmt hat deine Mutter schon den nächsten Lover mit aufs Zimmer genommen.

Detlev Buck lässt nichts anbrennen in „Knallhart“, er schert sich nicht drum, dass jetzt vielleicht alle sagen: Der Buck, der hat doch früher immer so schön lustige Filme gemacht. Ist ihm sicher auch wurscht, wenn andere meinen: So ein Schwein von Ausländerfeind – nur weil in „Knallhart“ bestimmte Türkenjungs und bestimmte Araber-Mafiosi nicht gerade zu den Guten zählen. Und wenn wir jetzt schreiben, ey Alter, da hast du aber nur alle uralten amerikanochinesischen Mean-Street-Filme noch mal durch den Motivtopf genudelt und bloß listig nach Berlin verlegt, dann geht Buck das, vermuten wir mal, ganz besonders geradlinig am Arsch vorbei. Denn er hat sich was getraut. Er ist aufs Ganze gegangen. Er springt. Und trifft ins Schwarze.

David Kross, auch fünfzehn, spielt das Martyrium, durch das Polischka geht, als hätte er nie was anderes gemacht, als so zu spielen, dass man ihm alles glaubt: vom Opfer (größtes Schimpfwort!) zum Mörder in 98 Filmminuten. Eine Kriminellenkarriere, ein Stationendrama, und wenn du nicht gestorben bist, guckst du an dir herunter und hast Blut an den Schuhen. Und es gibt Erol (Oktay Özdemir), einen Schläger zum Fürchten, der zwischendurch, Familie muss eben sein, auch mal die Zwillinge im Kinderwagen ausfährt. Und es gibt Hamal (Erhan Emre), den feineren Koks’n’Kohle-Großhändler, der sein Ex-Zehlendorfer Ex-Milchgesicht von Polischka auf immer größere Deals schickt. Und es gibt die Mutter (Jenny Elvers, genau, die Jenny Elvers, und sie macht ihre Sache sehr gut): Sie schnallt erst gar nichts und nachher dann doch ein bisschen was, aber da ist schon alles zu spät.

Es gibt jetzt die, die sagen: Der Buck übertreibt aber. Und tatsächlich: Buck übertreibt, aber nicht sehr. Und das darf er auch, er hat schließlich keine Dokumentation, sondern einen Spielfilm gedreht. Und Kolja Brandt, der bei seinem ersten Spielfilm die Kamera führt, als hätte er nie etwas anderes gemacht als Spielfilmkameraführen, zeigt ein Berlin, wie es jeden Tag oder auch erst morgen früh sein kann, wenn es vor lauter Gewalt und Verrohung fast alle Farbe verliert. Braungrauer Seelendreck, dieses Problembezirkberlin; okay, Zehlendorf wäre grüner.

Und dass nun wieder gestritten wird darüber, wie die Zukunft von Neukölln und Kreuzberg und Wedding und Paris-Saint-Denis und Hamburg-Harburg und Bronx-Bombay aussieht, wenn es für die nächste Generation keine Zukunft geben sollte: Auch das ist gut. Und da hat der Regisseur, der sicher vor allem anderen einen spannenden, anders packenden Film machen wollte, bestimmt nichts dagegen.

Mit anderen Worten: „Knallhart“ ist stark. Der stärkste Buck seit überhaupt.

Sonntag, 21.30 (Zoo Palast), Montag, 13.30 (Cinemaxx 7), Dienstag 14.30 (International)

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