Kultur : Access-Wirtschaft: Die Kapitalismusrakete zündet eine neue Stufe

Carsten Brönstrup

Eigentum, Besitz, das staatlich garantierte Recht darauf - das gehörte vor gut fünfzigJahren noch zu den Grundprinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Materiellen Wohlstand anzuhäufen, Autos, Staubsauger, Waschmaschinen, sich darüber als wohlhabender Konsument zu definieren, das wurde für die Gesellschaft der jungen Bundesrepublik zu einem wesentlichen Lebensinhalt. Wie schnell sich die Zeiten ändern. Eigentum - ein überholter Wert zu Beginn des 21. Jahrhunderts, etwas, das im Zeitalter des digitalen Kapitalismus, der beschleunigten Marktwirtschaft verschwinden wird. Das zumindest prophezeit Jeremy Rifkin in seinem neuen Werk "Access. Das Verschwinden des Eigentums. Wenn alles im Leben zur bezahlbaren Ware wird." Die Zukunft, so die Kernthese des US-Regierungsberaters, der an der Wharton-School lehrt, bringt einen Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Materiellen: Die Marktwirtschaft wandelt sich in eine Zugangswirtschaft. Der rasche Zugriff auf Ideen, Güter und Dienstleistungen wird weitaus wichtiger als der Besitz träger, schwerfälliger Dinge.

Die Zeit, wo Waren an bestimmten, festgelegten Orten gegen Geld getauscht werden, ist vorüber, schreibt Rifkin. Anstatt zu handeln erwirbt man das Recht, etwas über kürzer oder länger benutzen zu dürfen, etwas zu erleben, an etwas teilzuhaben. Ob Software, Mietwagen oder Flugzeuge - alles muss flexibel und kurzfristig verfügbar sein. Die Marktwirtschaft wird eine andere: Statt Märkten wird es Netzwerke geben. "In den Netzwerken gibt es keine Käufer und Verkäufer mehr. Es gibt Lieferanten und Benutzer. Besitz wird weiter existieren. Er wird von den Kunden auf der Basis von Mitgliedschaften, Abonnements, Leasing- oder Lizenzverträgen genutzt." Der Kapitalismus ist dabei, sich neu zu erfinden, schreibt Rifkin - wie am Ende der Feudalwirtschaft: Damals gab es keine Märkte, Land war nicht verkäuflich. Durch neue Techniken - den Buchdruck, den Kompass, die mechanische Uhr - wuchs der Handel und wurde beschleunigt.

Heute steht erneut ein Paradigmenwechsel bevor, ausgelöst wiederum durch eine Welle von Innovationen: Handel ist zu langsam geworden für den Turbo-Kapitalismus, in dem Waren und Dienstleistungen rund um die Uhr verfügbar sind. Rifkin: "In einer Ökonomie, deren einzige Konstante der Wandel ist, macht es wenig Sinn, bleibende Werte anzuhäufen." Besitz wird nutzlos, weil Produkte immer schneller veralten und oft nur wenige Monate auf dem Markt bleiben. Zugleich werden Dienstleistungen wichtiger als Waren. Dies stützt den Trend zur Entmaterialisierung. Unternehmen versuchen heute, so wenig wie möglich zu besitzen. Fuhrparks, Pförtner, Computer, ganze Abteilungen werden geleast oder outgesourct. Firmen wollen nicht Waren verkaufen, sondern Service.

Die Segnungen der vernetzten und beschleunigten Ökonomie kann jedoch nur ein kleiner Teil der Menschheit nutzen. Die "digital divide", die Kluft zwischen den privilegierten Nutzern der Netze und denen, die zu ihnen keinen Zugang haben, wächst und lastet als Hypothek auf dem Fortschritt. Nicht etwa nur in den Industrieländern, wo sich gut Ausgebildete zwischen Internet, Handy, Chatrooms und Online-Konferenzen bewegen und in einer anderen Realität leben als geringer Qualifizierte. "Über die Hälfte der Menschheit hat in ihrem Leben noch nicht telefoniert", ruft uns Rifkin ins Gedächtnis; 40 Prozent verfügen nicht über Elektrizität. Das birgt für die Zukunft große Spannungen zwischen der ersten und der dritten Welt, ebenso wie eine Isolation beider.

Die Access-Wirtschaft wird auch das Machtgefüge unter den Unternehmen selbst verändern. Rifkin warnt vor neuen Kartellstrukturen: Bislang bestand die Gefahr, dass sich zu viel Macht durch den Besitz materiellen Kapitals in der Hand eines Konzerns bündelte. Nun können die Besitzer geistigen Kapitals immer mächtiger werden - Unternehmen wie AOL, Sony, Disney oder versammeln Wissen und Inhalte unter ihrem Dach. Sie sind die Riesen der Zukunft, die es Rifkin zufolge zu bändigen gilt.

Rifkin ist somit alles andere als ein Prediger der New Economy. Zwar redet er nicht dem Sozialismus das Wort; er hält den Kapitalismus trotz allem für das fruchtbarste System, was neue Ideen und den Fortschritt angeht. Doch dieses System scheitert zum einen daran, dass es seine Errungenschaften ungleich verteilt. Zum anderen wird es zur dominierenden Kraft. War die Wirtschaft früher nur ein Vehikel, das der Kultur und der Gesellschaft nutzte, so wird sie nun zum alles bestimmenden Faktor, der Kunst, Kultur, menschlichen Beziehungen, sozialer Interaktion einen Wert beimisst. Zugleich zieht sich der Staat immer mehr zurück. Eine "Devolution der Zivilisation" sieht Rifkin heraufziehen, einen "Kulturkapitalismus", in dem alles seinen Preis, aber nichts mehr einen Wert hat. Das erscheint schon heute angesichts von Internet-Sucht, Cyberwelten und virtuellen Marktplätzen nicht besonders weit hergeholt. "Die große Frage der kommenden Jahre ist, wie ein ziviles Zusammenleben bestehen kann, wenn Staat und kultureller Sektor ihre Selbstständigkeit weitgehend verlieren und als Mediator des menschlichen Lebens nur der kommerzielle Bereich übrig bleibt." Rifkins Warnung schmeichelt Marktgläubigen nicht eben: "Wenn wir der Ökonomie gänzlich das Feld überlassen, sind die Grundlagen unserer Gesellschaft in Gefahr."

Rifkins Zukunftsbild mag scharf konturiert sein wie derzeit kein zweites. Und seine Analyse, sprachlich gewohnt brilliant, lässt einen Weitblick erkennen, wie ihn nur wenige Zeitgenossen haben. Doch ähnlich wie beim von ihm angekündigten "Ende der Arbeit" für vier Fünftel der Bevölkerung hat sein Befund auch etwas Plakatives, Populärwissenschaftliches. Ohne eine griffige und Aufsehen erregende These lässt sich ein Buch über die Zukunft der Marktwirtschaft nun mal nicht verkaufen. Und Rifkin analysiert allein Trends, die allenfalls in den USA sichtbar sind. Ob sie aber zwangsläufig zu einem Zeitgeist werden, der die Epoche bestimmen und den Kapitalismus umkrempeln wird, sei zumindest für Europa dahingestellt.

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