Kultur : Ach, das Leben!

„Le prix du pardon“ von Mansour Sora Wade erzählt eine Legende aus dem Senegal

Stefan Maetz

Schön, wenn einen Kinobilder tief in den Sessel drücken können. Hier ist ein Film, dem das gelingt, der wie gemalt ist manchmal, mit Farben, die es in Deutschland gar nicht gibt. In seinen besten Momenten bringt „Le prix du pardon“ die Bilder wie Naturgewalten auf die Leinwand. So wie eines Tages der Nebel über Timbering kommt.

Das kleine Fischerdorf versinkt geradezu im ewigen Dunst. Fatalistische Stimmung macht sich breit, das Ende der Welt scheint nahe. Selbst der Zauberer müht sich vergeblich. Einzig Mbanick wagt es, den Geistern die Stirn zu bieten, und tatsächlich gelingt es ihm, die Sonne zurückzuholen. Durch seine Tat gewinnt er auch die schönste Frau im Dorf, Maxoye.

Aber so einfach funktioniert das mit dem Glück in der Regel ja nicht, und deshalb ist dies auch nicht die Geschichte Mbanicks, sondern die seines besten Freundes Yatma. Der ist von Eifersucht zerfressen, tötet den erfolgreichen Rivalen und wirft ihn ins Meer. Der strahlende Held tritt ab, der tragische Held übernimmt – und wir begleiten ihn in sein schwieriges Schicksal. Über Jahre muß Yatma gegen den Fluch seiner Tat ankämpfen, aber das scheint ebenso aussichtslos wie der Kampf um die Liebe Maxoyes. Und zu alledem soll draußen im Meer Mbanick als Hai wiedergeboren sein und auf Rache sinnen.

Der Eindruck einer alten Legende täuscht nicht: Seit Ewigkeiten hat sich Yatmas Geschichte mündlich überliefert, bevor sie jetzt zum Film wurde. Der erzählt sich nicht viel anders als eine antike Tragödie, wobei die Dorfgemeinschaft als kommentierender Chor fungiert. Um Universelles geht es, um Schuld und Sühne, nur die Filmsprache ist sehr afrikanisch, senegalesisch, oder präzise: Lebu. So wie Alltag und Übernatürliches in der Kultur des Fischervolks zusammengehören, vermischt der Film den Realismus des Dorflebens mit Mythen und Symbolen. Mehr als das in jedem europäischen Film vorstellbar wäre, wird die Handlung vom steten Blick auf die Natur begleitet. Hier spiegelt sich der Seelenzustand der Figuren. Wenn etwa immer wieder in langen Einstellungen das Meer betrachtet wird, wo der Hai und die Schuld wohnen, braucht es nicht mehr viele Worte über Yatmas Dilemma.

Mansour Sora Wade verpflichtet sich ganz der Tradition der alten Erzählung und inszeniert sie entsprechend ernsthaft und bedeutungsvoll. Manchmal ist das theatralisch, wozu auch die Tänze, Schattenspiele und das zuweilen bewusst übertriebene Spiel besonders Hubert Koundés (Yatma) beitragen. Doch entsteht eine sehr eigene Stimmung, die sich durch die imposante Bildersprache und die geheimnisvolle afrikanische Musik noch potenziert. Fast meint man, selber die Anwesenheit der Naturgeister zu spüren.

Wie es mit Yatma weitergeht, wenn der Nebel der schlechten Gefühle sich lichtet, gibt der Erzähler schon ganz am Anfang bekannt: „Ach, das Leben! Die Zeit vergeht. Der Mensch verändert sich. Gestern ist nicht heute.“ Die Verstrickungen des Schicksals sind, und da verabschiedet sich der Film von der Tragödie, eben nicht unlösbar. Gut und Böse gehören zusammen, in jedem. Eine Weisheit, wie man sie von alten Legenden erwarten darf.

Hackesche Höfe und fsk (OmU)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben