Kultur : Ach, Europa!

Findlinge im Nirgendwo: Stanislaw Muchas „Die Mitte“ sucht das Zentrum des Kontinents

Silvia Hallensleben

Ist Europa nur ein Recyclinghof für mesolithische Restprodukte? Stanislaw Muchas Dokumentarfilm „Die Mitte“ legt eine solche Deutung nahe. Jeder Findling zwischen Ruhrgebiet und Riga, so scheint es da, hat nur eine Bestimmung: irgendwo im Nirgendwo das Zentrum des Kontinents zu repräsentieren.

Schon in „Absolut Warhola“ (2001) spielte Mucha lustvoll mit den Grenzen zwischen östlicher Abgeschiedenheit und westlicher Popkultur. „Die Mitte“ bleibt beim Thema – und sucht nach der Mitte Europas. Doch so eindeutig die geografischen Außengrenzen des Kontinents sind, sein Zentrum verschwimmt beim Annäherungsversuch in fast Heisenbergscher Unschärfe. Oder, makroskopisch, in unzählbarer Vielfalt. Manchmal liegt die Unbestimmtheit an der jeweiligen Definition, dann wieder an geodätischen Berechnungsdifferenzen. Immer aber schwingt viel Patriotismus mit, touristisches Verwertungsinteresse inklusive.

Mit den theoretischen Finessen hält Mucha sich nicht auf, auch wenn die durchaus ihren eigenen Unterhaltungswert haben dürften. Er reist an die Orte selbst, die die Zentralität für sich reklamieren – von den Grufties an den westfälischen Externsteinen zum österreichischen Braunau, das mit dem Rückgriff auf napoleonische Zeiten versucht, dem Hitlerschatten zu entkommen.

Im west-östlichen Zickzack und mit Hundertmeilensprüngen geht die Reise so von Deutschland in die Karpaten und zurück. Grenzen werden dabei in Serie überwunden. Und die Menschen öffnen den Neugierigen bereitwillig ihr Herz. Viel resignierte Gelassenheit, auch grimmiger Witz, kaum Perspektiven. Der in Polen geborene, in Potsdam studierte und in Bayern lebende Dokumentarfilmer Stanislaw Mucha nimmt’s mit Humor und springt gerne auch einmal selbst mitten ins Geschehen und ins Bild. Einmal liefert er sich einem Wunderheiler aus. Und im ukrainischen Rachiv sperrt sich das Filmteam mitsamt der Zeitungsverkäuferin im Kiosk ein und beobachtet, wie das „Karpatenecho“ und „Der Stern von Rachid“ über den Ladentisch gehen. Auch eine Zeitschrift namens „Die Mitte Europas“ gibt es hier, von Pressemonopol offenbar noch keine Spur.

Eine Zeitreise in die Vergangenheit? Nicht ganz. Doch je länger wir reisen, desto deutlicher wird, dass „Die Mitte“ neben der Suche nach einem symbolischen Ort auch einen geschichtsgesättigten Welt- und Geisteszustands einkreist, der im West-Bewusstsein immer noch am östlichen Rand des vertrauten Universums vor sich hindämmert. Muchas Film leistet auch hier Aufklärung. Das nächste Stück einer Mittel-Ost-Europa-Trilogie – „Die Mitte“ besetzt deren Mittelteil – ist schon in Arbeit: eine konkrete Bestandsaufnahme der Osterweiterung in den EU-Beitrittsländern.

Ausgerechnet zwei Schweizer Globetrotter sorgen am Ende dafür, dass unsere Visionen von einer grenzenlosen Zukunft nicht zu sehr ins Träumerische abheben. Auch sie suchen die Mitte Europas, doch sie sind viel zu postmodern, um sich auf die Hilfe von Markierungssteinen, Wegkreuzen oder anderen Relikten zu verlassen. Stattdessen schlagen sie sich, bewaffnet mit Handbuch und GPS-Ortungsgerät, durchs Gebüsch, um die echten Koordinaten der europäischen Mitte zu finden. Wie schön war es dagegen doch in den vielen verschroben alteuropäischen Gasthöfen „Zum Mittelpunkt Europas“!

In den Kinos fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe und Kant (alle OmU)

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