Kultur : Ach geige, du Schmerzenreiche

Fatales Talent: Pascal Merciers Roman „Lea“ erzählt von einer tragischen Vater-Tochter-Beziehung

Gerrit Bartels

Eine schön schaurige Szenerie, wie aus einem Gothic-Thriller: Sieben Männer sitzen in der dunklen, feuchten, übel riechenden und einem steinreichen Greis gehörenden Zweizimmerwohnung eines heruntergekommenen Hauses im italienischen Cremona, um Punkt Mitternacht an einer Versteigerung der teuersten Geigen der Welt teilzunehmen. Unter ihnen Martijn van Vliet, einstiger Professor für Biokybernetik, einer von zwei Erzählern aus Pascal Merciers neuem Buch „Lea“, der in dieser Nacht mit gestohlenem Geld eine Guarneri del Gesù für seine Tochter Lea ersteigert. Er will sie, die einst im Geigenspiel ihre Erfüllung fand und weltberühmt wurde, mit diesem Präsent vor dem drohenden Wahnsinn und Schlimmerem retten.

Ohne Erfolg, wie man erfahren wird und wie man auch lange schon weiß, denn Merciers zweiter Erzähler, der einstige Chefchirurg Adrian Herzog, verrät gleich zu Anfang von „Lea“: „Es würde eine traurige Geschichte sein, eine Geschichte, die wehtat“. Und eine Geschichte, die am Ende durchaus berührt, die dramaturgisch korrekt im Verlauf des Buches ihr Tempo entwickelt, mit eindrücklichen Szenen wie der obigen aufwartet und so alle Ingredienzen für einen veritablen, bestsellerkompatiblen Unterhaltungsroman hat.

Das kleine Problem nur ist, dass man von Pascal Mercier, der eigentlich Peter Bieri heißt, Philosophieprofessor an der FU in Berlin ist und mit dem Buch „Das Handwerk der Freiheit“ überzeugend und geradezu poetisch dargelegt hat, warum die Freiheit des Willens von der Hirnforschung eben nicht infrage gestellt werden könne, vielleicht doch etwas mehr erwartet hatte als einen Unterhaltungsroman für ein Millionenpublikum. Denn genau dieses hat sich Mercier mit seinem 2004 erschienenen Roman „Nachtzug nach Lissabon“ erschrieben – unerwartet, überraschend und nicht mit einem großen Knalleffekt, sondern über einen Zeitraum von fast drei Jahren durch Buchhändlerempfehlungen und Mund-Propaganda. Merciers Roman stand im Hardcover nie in den Top Ten der Bestsellerlisten, verkaufte sich aber bis heute inklusive der Taschenbuchausgabe über anderthalbmillionenmal, also mehr als beispielsweise Daniel Kehlmann, Katharina Hacker und Andrea Maria Schenkel bislang zusammen mit ihren Erfolgsbüchern. Das Erstaunliche daran: „Nachtzug nach Lissabon“ ist ein nicht ganz einfacher Roman, eine Art Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln, ein philosophischer Roman. Ein alternder Lateinlehrer setzt sich urplötzlich in die Spur eines toten Arztes, nachdem er ein Buch von diesem gelesen hat, und erkundet, wie es ist, ein anderer zu sein. Das fällt ihm leicht, bringt ihm das eigene Selbst aber auch nicht näher. Trotzdem erfährt er in extenso, was es bedeutet, Verantwortung für das Leben anderer zu übernehmen. Und entwickelt dabei ganz schöne Gedanken über den Sinn des Lebens und den Unsinn des ewigen Lebens, über die Angst vor dem Tod, vor der Einsamkeit, vor dem unvollständigen Leben.

Bei „Lea“ dagegen wundert man sich allein, in was für einen durchsichtigen, billigen Rahmen Leas traurige Geschichte gefasst ist und wie holprig diese sich anlässt. Martijn van Vliet und Adrian Herzog lernen sich zufällig im Café in einem südfranzösischen Nest kennen und stellen da fest, dass sie beide Schweizer sind. Schließlich fragt van Vliet, ob Herzog nicht bei ihm mitfahren wolle, nur so eine Idee halt. Herzog stutzt zwar, doch dann gefällt ihm diese Idee, sie erinnert ihn wie überhaupt die ganze Erscheinung van Vliets an den Helden aus Tony Richardsons Film „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“. Dieser versucht einmal in einem Traum, ein Mädchen vergeblich zu küssen und erklärt ihr dann: „Just an idea, you know and not much of an idea, either“.

Schluck, schmock, schwerenot – doch nachdem das geklärt ist, nachdem Herzog angedeutet hat, dass auch mit ihm nicht alles zum Besten steht, dass er sich ein anderes Leben hätte vorstellen können, machen sich die beiden einsamen, gebrochenen Männer mit dem Auto auf den Weg in die Schweiz. Unterwegs erzählt van Vliet, wie seine nach dem Tod ihrer Mutter in sich gekehrte Tochter Lea regelrecht aufblüht, als sie eines Tages mit ihm zusammen das wunderbare Geigenspiel einer Straßenmusikerin in einer Bahnhofshalle hört. Für sie ist das die Initiation, sie wird Geigerin, eine genauso ehrgeizige und besessene wie begabte und erfolgreiche. Von ihrem Vater wird sie bis zum bitteren Ende blindlings konsequent unterstützt und womöglich – so die für ihn existenzielle, aber unbeantwortbare Frage – in den Tod getrieben.

Mercier zieht nun, eine Spur zu offensichtlich, diese Frage, dieses Motiv der Schuld, aber auch das der Unausweichlichkeit des Schicksals, als roten Faden durch seine Erzählung. Da muss dann immer wieder der Konjunktiv her, da ruft van Vliet aus: „Wie oft habe ich mich gefragt, was aus meiner Tochter geworden wäre, wenn wir es nicht getan hätten. Wenn uns kein Zufall diese Klänge zugespielt hätte?“. Da beklagt er, dass einer von Leas Lehrern sie für einen Wettbewerb in St. Moritz angemeldet hatte: „Hätte er es nur nicht getan! Hätte er es nur nicht getan!“ (Ja, im Buch kursiv, damit das noch einmal schön unterstrichen wird!). Und da gesteht schließlich auch sein Leidensgenosse Adrian Herzog am Ende, als van Vliet den Höhepunkt seiner Unglücksgeschichte erreicht hat: „Ich wünschte, ich könnte das Bild seines Kopfes, wie er gegen die Rückenlehne des Sessels fiel, auslöschen“.

Ebenfalls eine Idee zu aufgesetzt wirkt das andere Hauptmotiv dieser Erzählung: das der Fremdheit der Menschen untereinander, der von van Vliet und Herzog, der von Herzog und seiner Tochter und Frau, und natürlich der von van Vliet und Lea. Tatsächlich aber, und da stellt sich die Frage, ob das im Sinn von Mercier war, bleibt Lea auch für den Leser bis zum Schluss eine völlig fremde Person. Mercier, das weiß man nicht nur vom „Nachtzug nach Lissabon“, sondern auch aus seinen beiden vorherigen Romanen „Perlmanns Schweigen“ (1995) und „Der Klavierstimmer“ (1998), kennt sich vor allem gut aus im Schicksal alternder Gelehrter. Lea ist da mit ihrem Genie, ihrem Wahnsinn und ihren wenigen, widerstreitenden Charakterzügen lediglich eine Projektionsfläche für van Vliet und Herzog, eine eigenartige Leerstelle dieses Buches.

Immerhin: Nach der unvergesslichen Geigenversteigerung sorgt Lea noch für einen weiteren effektiven Höhepunkt, als sie ihre teure Guaneri del Gesù in einem Stockholmer Hotel wieder und wieder auf die Metallspitze eines Treppenpfostens sausen lässt und ihr Schicksal damit aus freiem Willen besiegelt. Das ist großes Filmtheater, das schreit nach Jessica Schwarz, Jana Palaske oder Nora Tschirner als Lea. Der Rest ist Malen nach Zahlen. Und der nicht so leicht wegzuwischende Eindruck, dass Pascal Mercier mit „Lea“ ganz bewusst unter seinen Möglichkeiten geblieben ist – der leichteren Lesbarkeit wegen, das Millionenpublikum fest im Blick. Dass er sich da mal nicht getäuscht hat.

Pascal Mercier: Lea. Novelle. Hanser Verlag, München 2007. 253 Seiten, 19, 90 €. Mercier stellt sein Buch am Samstag um 16 Uhr im Kulturkaufhaus Dussmann vor.

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