Kultur : Ach, Heinrich Entdeckt: Thomas Manns Postkarten an den Bruder

Es war zu erwarten, dass die Präsentation von 80 bisher unbekannten Postkarten Thomas Manns aus der Zeit von 1901 bis 1928 an den Bruder Heinrich als „Sensation“ gefeiert wird.

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Ein „Schatz für Germanisten“, wie die „Welt“ es nennt. Die meisten Dokumente stammen aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Die Zeit von 1914 bis 1922 bleibt weiterhin eine tabula rasa. Obwohl bisher nur ein Teil der Karten vorgestellt wurde, hieß es aus der Lübecker Kulturbehörde, dass sich eine „ganz neue Facette“ in der Beziehung des Dichter- und Brüderpaars offenbart habe. Das Konvolut zeige „eine liebevolle, offenherzige und intime Beziehung und ein völlig intaktes Bruderverhältnis“.

Holger Pils, Leiter des Buddenbrookhauses, formuliert es zurückhaltender: Der Blick auf die Brüder müsse nachjustiert werden. Auch die „FAZ“ kann nur eine „Halbsensation“ erkennen, weil das Geschriebene „aufgrund seines betont alltäglichen Charakters“ einfach nicht mehr hergebe. So kann Thomas Manns „Empfehlung von Joghurt als Abführmittel“ nicht als bahnbrechende Erkenntnis über brüderliche Gemeinschaft mittels Rezepturen der Hartungschen Kuranstalt in Riva am Gardasee gedeutet werden.

Dokumentationsquelle des widersprüchlichen brüderlichen Welterlebnisses war bisher in erster Linie die umfangreiche, von Hans Wysling edierte Korrespondenz mit mehr als 250 „Brüderbriefen“. Das Problem bei einer so großen Zahl von Selbstzeugnissen besteht darin, dass mit vielen Zitaten Tendenzen nicht nur belegt, sondern auch widerlegt werden können. Das zwischen Thomas und Heinrich offen betriebene Rede-und Antwort-Spiel setzte sich indirekt in den Werkbezügen fort.

Ein aufmerksamer Beobachter der „vergleichenden Brüderforschung“ hat konstatiert, dass der Wettlauf zwischen den Gelehrten und ihrem Gegenstand dem zwischen Hase und Igel gleiche: Die Brüder sind mit ihrer Selbstinterpretation immer schon da. Manche der Äußerungen, im Affekt geschrieben, wurden später wieder zurückgenommen, andere spiegeln nicht die authentische Meinung der Briefpartner, da sie von Rücksichtnahme und Taktik diktiert sind. Der mit Thomas und Heinrich befreundete Autor René Schickele notierte 1933 nach einem gemeinsamen Treffen: „Wie immer reden die Brüder Mann liebevoll aneinander vorbei – Thomas am stärksten, wenn er Heinrich ausdrücklich beistimmt…“

Wenn jetzt ein neues Erkenntnisinteresse lauten sollte, das Bruderverhältnis sei völlig intakt gewesen, wäre das fatal. Das Verhältnis zwischen Thomas und Heinrich war ebenso wenig „normal“ wie die gesamte tragische Familiengeschichte. Nicht normal war vor allem das Verhältnis der Brüder zu ihren Schwestern Carla und Julia (Lula). In dem Zeitraum, aus dem der Postkartenfund stammt, haben sich beide Schwestern das Leben genommen. Sie konnten ihre Schattenexistenzen nicht ertragen.

So richtet sich auch an die Auswerter der Postkarten die Frage, ob und wie man – angesichts des Mangels an autobiografischen Zeugnissen – den neu gefundenen Äußerungen das Trauma früher Schockerlebnisse entnehmen kann. Dann wäre der Fund in der Tat nicht nur ein „Schatz für Germanisten“. Willi Jasper

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