Kultur : Ach, Mutter

Aus der Familienhölle: Ryan Murphys Film „Krass“

Hendrik Lakeberg

Verzweiflung kann komisch sein, zumindest im Rückblick. Wenn überstanden ist, was einst quälend war, bleibt vor allem die Erinnerung an eine bizarre, aus den Fugen geratene Zeit. Augusten Burroughs muss es so ergangen sein, als er mit „Running with Scissors“ seine Jugenderinnerungen aus den Siebzigern aufschrieb.

In Ryan Murphys Verfilmung – dämlicher deutscher Verleihtitel: „Krass“ – sucht der sensible Augusten (Joseph Cross) zwischen seinen streitenden Eltern verzweifelt nach einer eigenen Identität. Seine neurotische Mutter Deirdre (Annette Bening) hält sich für eine verkannte Starlyrikerin. Vater Norman (Alec Baldwin) ist Mathematik-Professor – und Trinker. Hilflos sieht Augusten mit an, wie sein Elternhaus sich in eine Hölle aus Flokati-Teppichen und Designermöbeln verwandelt. Schließlich wendet sich Deirdre an den Psychiater Dr. Finch (Brian Cox). Die Therapiesitzungen mit dem Freud-Lookalike retten zwar nicht die Ehe der Burroughs, aber Dr. Finch drängt sich in das Leben von Deirdre und Augusten.

Besonders Annette Benings Interpretation der valiumvernebelten Mutter ist beeindruckend. Ganz von ihrem aufkeimenden Selbstfindungstrip besessen, gibt sie ihren Sohn als Pflegekind in die Familie des durchgeknallten Psychiaters – und so gerät Augusten von der Elternhölle in die Psycho-Hölle des Dr. Finch, der selbst beim Abendessen nicht davon ablässt, seine Töchter zu analysieren.

„Krass“ ist die Abrechnung mit einer Epoche, ein Film über den schleichenden Zerfall der bürgerlichen Kleinfamilie, beklemmend, bizarr und unglaublich komisch. Zum Abspann erklingt Crosby, Stills, Nash & Youngs Hippie-Hymne „Teach your Children“ – ein Fanal an jene Zeit, als Erwachsene meinten, selber noch ungehemmt pubertieren zu dürfen (in Berlin nur im Cinemaxx Potsdamer Platz).

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