Kultur : Acht Maß Bier

Thomas Wolfe erzählt vom „Oktoberfest“

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Eine gebrochene Nase, vier Kopfwunden und eine leichte Gehirnerschütterung – das war die Bilanz von Thomas Wolfes Oktoberfestbesuch im Jahr 1928. Er selbst war nicht ganz unschuldig an der Prügelei, in die er geraten war. „Sturzbetrunken“ von sieben oder acht Maß Bier sei er gewesen, und den ersten Schlag habe er wohl auch ausgeteilt, schreibt der damals 27-jährige Schriftsteller seiner Geliebten Aline Bernstein. Nachzulesen ist Wolfes Brief in dem zweisprachigen Bändchen „Oktoberfest“, das auch die gleichnamige Erzählung enthält.

Ein Amerikaner kommt erstmals auf das große Volksfest in München – und ist enttäuscht. Denn er sieht darin zunächst nicht mehr als ein „kleines, mittelprächtiges Coney Island“. Er wird dann aber doch hineingezogen in dieses Massenereignis, dessen barbarische Züge er etwa anhand der Zustände in der Ochsenbraterei äußerst plastisch beschreibt.

Kaum anders geht es heutzutage auf dem Oktoberfest zu. Geradezu universell ist auch die Schilderung des Schocks, den jeder Neuling beim Betreten eines tosenden Oktoberfestzeltes verspürt. Für den Erzähler spiegelt sich in den lärmenden Horden das Wesen der Deutschen: „Die Halle erdröhnte von ihrer Stimmgewalt, sie erzitterte von ihren mächtigen Leibern, und als sie sich so hin und her wiegten, schien es mir, dass nichts auf Erden ihnen widerstehen konnte – dass sie zerschmettern mussten, worauf immer sie trafen. Ich begriff jetzt, weshalb andere Völker sie so sehr fürchteten.“ Mithilfe von Bier schafft er es, seine Angst zu überwinden und mit der Masse zu verschmelzen. „Ein Prosit!“ – und alles wird gut.

Wolfe, der deutsche Vorfahren hatte, fühlte sich München sehr verbunden. Wie Herausgeber Horst Maria Lauinger in seinem Nachwort erklärt, schrieb er hier an seinem großen Roman „Schau heimwärts, Engel“ und baute einige seiner Erlebnisse in weitere Werke ein. Als er 1936 noch einmal in München war, besuchte er die Wiesn – jetzt: „Großdeutsches Volksfest“ – nicht mehr. Bei aller Liebe zu seiner zweiten Heimat war ihm klar geworden: „Germany had changed.“ Nadine Lange





Thomas Wolfe:

Oktoberfest.

Erzählung. Manesse Verlag, München 2010, 112 Seiten, 10 €.

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