Kultur : Achtkant raus

Wenn die Pleite droht: Der Film „Tage und Wolken“ erzählt vom Niedergang des italienischen Mittelstands

Christina Tilmann

Sie haben sich sicher gefühlt. Schöne Wohnung, erwachsene Tochter, gemeinsame Reisen. Sie, Kunsthistorikerin und Restauratorin, stellt ihre Doktorarbeit über einen Maler des 15. Jahrhunderts vor, er organisiert für sie eine Überraschungsparty mit allen Freunden. Sollten da, beim Dissertationsvortrag, Unsicherheiten gewesen sein, hat sie sie locker überspielt. Sie haben sich sicher gefühlt.

Silvio Soldini, der mit seinem Überraschungserfolg „Brot und Tulpen“ 2000 eine befreiende Verunsicherung im Leben einer italienischen Hausfrau gezeigt hatte, geht in seinem neuen Film „Tage und Wolken“ deutlich weiter. Nicht eine eingerostete Ehe ist es, nicht das eingeschlafene Hausfrauenleben, das hier zerbricht. Es steht der ganze bürgerliche Mittelstand zur Disposition.

Kein Wunder, dass „Tage und Wolken“ – mit Filmen wie „Gomorra“ oder dem Andreotti-Porträt „Il divo“ – als Beispiel eines neuen italienischen Kinos gerühmt wird, das nicht mehr den Komödiantenstadl bedient, sondern der Berlusconi-Gesellschaft einen gnadenlosen Spiegel vorhält. Unbeweglich seid ihr, luxusverwöhnt und längst altes Eisen, sagt dieser Spiegel.

Das Ehepaar Elsa (Margherita Buy) und Michele (Antonio Albanese) erwischt es besonders schlimm. Er, Manager einer mittelgroßen Firma, verliert seinen Job und damit den Wohlstand, die Existenzgrundlage. Schnell ist die Wohnung weg, das Boot, die Ersparnisse. Aber auch die Freunde sind weg, in der Ehe kriselt es. Scham verbietet es, Freunde um Hilfe zu bitten. Angst macht die Eheleute stumm, Schweigen trennt sie erst recht. Während Elsa sich arrangiert, versinkt Michele in Tatenlosigkeit.

Ein Blick in eine nicht allzu ferne Zukunft. Filme wie Laurent Cantets „Mode d’emploi“ oder Costa-Gavras’ „Le Couperet“ haben ähnliche Geschichten erzählt, „Tage und Wolken“ jedoch trifft noch härter. So wie Elsa und Michele kann es uns allen gehen, das ist die Mahnung von Soldini. Und so sieht man den beiden mit umso größerer Anteilnahme bei ihren Versuchen der Mangelverwaltung zu. Die neue Wohnung im Arbeiterbezirk von Genua: Ist doch eigentlich ganz gemütlich, um mit etwas Farbe lässt sich daraus etwas machen. Den Job, den Elsa als Sekretärin annimmt: So schlimm ist er auch wieder nicht, sie begegnet dem Chef emotional auf Augenhöhe. Und bald finden sich auch für Michele Gelegenheitsjobs, die ehemaligen Angestellten entpuppen sich als tatkräftige Freunde. Und doch läuft all das nur auf Zeit. Das zarte Happy End, das der Film den Protagonisten gönnt, weist keine Zukunftsperspektive auf.

Die Stadt Genua, in der der Film spielt, leuchtet übrigens im Abendlicht ganz wunderbar, mit ihren kühl-blauen Hochhäusern, den Stadtautobahnen und dem in der Ferne gleißenden Meer. Eine reiche, schöne Stadt, von oben gesehen. Nur: Den Überblick hat leider keiner hier mehr. Christina Tilmann

In Berlin in den Kinos Cinemaxx Potsdamer Platz, Kurbel, Passage. OmU: Hackesche Höfe

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