Kultur : Achtung, Abseitsfalle Die ARD-Rundfunkorchester zeigen in Berlin, was sie können

Frederik Hanssen

Menschen, die sich nicht nur für Klassik, sondern auch für Fußball interessieren, träumen manchmal davon, wie es wäre, wenn es auch im Bereich der Orchester eine Bundesliga gäbe, so richtig mit Wanderpokal, Freundschaftsspielen und Konferenzschaltungen von den samstäglichen Abo-Konzerten. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat nun der Deutschlandfunk unternommen: In einer neuen Berliner Konzertreihe präsentiert der national Sender jetzt alle ARD-Rundfunkorchester.

Immerhin 14 gibt es davon, denn die föderale Kulturnation Deutschland leistet sich mehr Radio-Ensembles als jedes andere Land der Welt. Damit lässt sich eine ganz hübsche Liga bilden. Neben den beiden Berliner Klangkörpern, dem DSO und dem RSB treten in dieser und der kommenden Saison in der Philharmonie die ARD-Ensembles aus Köln (zwei), Saarbrücken, Stuttgart, Frankfurt, Baden-Baden/Freiburg, Kaiserslautern und München (zwei), Hamburg, Leipzig und Hannover gegeneinander an. Letztere, die Radiophilharmonie des NDR, präsentierte sich am Montag mit ihrem Chefdirigenten Eiji Oue – und zeigte sich dabei, um im Sportjargon zu bleiben, stark abstiegsgefährdet.

Laute Töne aus Hannover

Schon bei der forsch al fresco genommenen „Fidelio“-Ouvertüre stutzte man. Dann aber kam erst einmal Maxim Vengerov. Der Violinvirtuose ist ein international gefragter Star – dank einer langjährigen Freundschaft mit Eiji Oue aber schaut er manchmal auch noch in Hannover vorbei. Wenn Vengerov spielt, hält der Saal den Atem an (was besonders im Januar bemerkenswert ist!): Sein Geigenton springt dem Zuhörer aber auch förmlich entgegen. Vengerov ist kein Fabulierer; was er auf seiner Violine zu sagen und zu singen hat, spricht er klar und geradlinig aus. In diesem Fall geht es um Benjamin Brittens Violinkonzert, ein ernstes, von Kriegsangst geprägtes Stück des 25-jährigen Komponisten aus dem Jahr 1939. Schwere Kost also, für die Maxim Vengerov aber mit einer derart fesselnden Intensität wirbt, dass am Ende das Publikum tobt.

Sichtlich beglückt über den Erfolg seiner Horizonterweiterungs-Mission bedankt sich der Geiger mit Ravels „Tzigane“. Und da taucht wieder das Unbehagen auf: Der Orchesterbegleitung fehlt es deutlich an Präzision und Eleganz. Restlos enttäuschend dann Brahms’ Klavierquartett in der Schönberg-Bearbeitung: Ausgerechnet bei dieser feingliedrigen, subtilen Musik setzt Oue auf die ganz große Linie, malt mit breitem Pinsel, fordert Fortissimo und Emphase.

Noch problematischer als das pauschal-poltrige Dirigat aber ist der Leistungsstand der Musiker, der weit unter dem liegt, was man von den Hauptstadtorchestern gewohnt ist. Instrumentengruppen fallen klanglich unschön auseinander, Begleitfiguren fehlt es an Binnenspannung, das Finalpresto wird nur mühevoll bewältigt. Die Blechbläser klingen oft verquetscht, den Streichern mangelt es an Wärme. Geht man davon aus, dass so ein Programm fürs Kräftemessen in der Orchester-Bundesliga besonders gut geprobt ist, spricht wenig für eine gute Mannschaftsarbeit des Chefdirigenten. Immerhin ist Oue seit 1998 im Amt. Jeder Sportjournalist würde da fordern: Dringend Trainer auswechseln!

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