Kultur : Achtung! Gegenwart!

ULRICH DEUTER

Die Jungen kommen - verläßlich alle Jahre wieder wie die Abi-Feier.Die neueste Generation Dramatiker nennt sich "TNT" und meint Namen wie Daniel Call, Simone Schneider, Theresia Walser, Moritz Rinke sowie ein Dutzend weitere bekannte und weniger bekannte Schreiber, von denen keiner älter als Mitte Dreißig ist und die meisten in Berlin leben.

Dieses "Theater Neuen Typs" vertritt mit seiner Forderung nach einer Autorenbühne allerdings kein neues Programm, selbst Rolf Hochhuth wünscht sich ja bekanntlich eine solche.Neu ist jedoch, daß hier Autoren seit langem einmal wieder als Gruppe auftreten, die ihre Mitglieder wechselweise in Position bringt; gemeinsam ist ein starker Durchsetzungswille, ansonsten versammelt TNT sehr unterschiedliche Ästhetiken, von der poetischen Introversion bis zur schrillen Seifenoper.

Allerdings wirbt Thomas Oberender, TNT-Vorstandsmitglied und so etwas wie dessen theoretischer Kopf, für ein "Theater der Vergleichgültigung" unterschiedlichster Lebenssituationen, deren schnell eilender Strom intensiv erlebt und lediglich nach dem binären Code Schmerz-Spaß gewertet wird - eine Art hedonistischer Raver-Kultur, wie sie unter den Autoren auch Rainald Goetz propagiert.

Unter dem Warnruf "Achtung! Gegenwart!" hat nun das Theater Oberhausen der Gruppe TNT erstmals ein Forum gegeben, in Kooperation mit den Mülheimer Theatertagen.An drei Abenden und in anschließenden Nächten, in ausgearbeiteten Inszenierungen, Ad hoc-Stücken und Stück-Collagen wurden durchaus Zusammenhänge und Hintergründe dieses "jungen" - eigentlich sehr alten, späten - Lebensgefühls am Ende des Jahrtausends erkennbar: ein melancholisch freundliches, ironisches Geschehenlassen ohne Hoffnung und ohne Verzweiflung und wahrscheinlich deshalb sehr menschenlieb.So folgt Schneiders "Alex.Vier Sätze" dem Sichtreibenlassen einer jungen Frau durch die Tunnel ihrer Träume und der Berliner U-Bahnstrecken, durch die Strudel von Menschen und Sehnsüchten auf dem Alexanderplatz - ein federnder Prosastrom, inszeniert für eine einsame Schauspielerin auf leerer Bühne, wie eine Gedankenkönigin herausgeputzt, zu deren rufendem Selbstgespräch der Musiker F.M.Einheit einen grollenden Techno-Sound beisteuert.

Es ist wichtig, daß die Nachbarkünste und Wahrnehmungsmaschinen, durch die diese Generation Autoren ihre Wirklichkeit erlebt, mit dabei sind: Musik, Video, Film; gespielt, gezeigt, gezirpt wird in nahezu allen Räumen des Theaters, Werkstätten und Intendantenbüro eingeschlossen und meist gleichzeitig, was der mäandernden Struktur der TNT-Texte entgegenkommt und vor allem eine Freiheit des Zusehens ermöglicht, die ein normaler Theaterabend nicht mehr erlaubt.Irgendwo in einer Nische liegt ein Schläfer auf einem Sofa: eine Video-Projektion von Kai Voges zu gesampelten Sätzen aus einem Stück Oberenders von großer somnambuler Kraft; während ein paar Meter weiter das saukomische "Brim" von Theresia Walser beginnt, eine beglückend gemeine, viel zu kurze Farce, die das vom Kunstwollen des Repertoirebetriebs wie befreit wirkende Ensemble mit sichtbarer Lust auf eine schnell installierte Minibühne legt.Knapp zwei Dutzend Ereignisse sind zu erleben.

Von hoher Qualität ist Rinkes "Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte", schon im letzten Jahr auf dem Berliner Stückemarkt gelesen und nun zum ersten Mal zwischen Töpfen und Schränken im Oberhausener Malersaal von Michael Neuwirth (teil)inszeniert; vor allem dieses Stück beweist, daß sich hinter dem Interessenverein TNT mit dem großsprecherischen Namen durchaus beachtliche künstlerische Qualität verbergen kann.

Das Tor in die Nacht mit jugendsatten, cool-wilden Babelsberger Hochschulfilmen, mit DJ und Slam Poetry öffnet dann eine Collage aus elf TNT-Stücken: Sind die Mittel und Geschichten auch unterschiedlich, der Sound stimmt sofort.Es muß eine gemeinsame Lebenserfahrung geben, die wie ein Synthesizer wirkt.

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