Kultur : Achtung Glatteis!

Zurück auf null: Der Stückemarkt des Theatertreffens kreist um sich selbst

Christina Tilmann

„Restart“: Wieder hat Marie auf Level 1 versagt, wird noch einmal durch die Simulation geschickt, um ihre „Zwangskonversationsfähigkeiten“ zu optimieren. Am Ende, als Belohnung, lockt ein „Echtzeit-Knaller“. Und von Neuem: Restart.

Zwangskonversationsfähigkeiten übt man gern in den sieben Dramen des diesjährigen Stückemarkts, der heute mit Kristina Nenningers Simulationsdrama zu Ende geht. „Restart“ hätte auch der Zuhörer manchmal gern gerufen: bei John Birkes „Pas de deux“ zum Beispiel, in dem ein Paar, SIE und ER, alle Stationen einer Beziehung durchdekliniert: vom Kennenlernen am Kaffeeautomaten über das erste Date bis zur Ernüchterung am Morgen danach. Weltsicht und Menschenkenntnis eines 23-Jährigen, um dessen szenisches Leichtgewicht sich gleichwohl schon zwei große Bühnen bemühen. Dorothee Brix’ „Zuhause“ geht von einer Zwangssituation aus: Eine Tochter kehrt nach Jahren ins Elternhaus zurück, wo der Vater im Sterben liegt, und stellt fest, dass ihr Ex-Freund ihre Schwester geschwängert hat. Johan Heß’ „Rosa, wie ein bisschen Rot“ versetzt die Familientragödie gleich tief ins Nirgendwo, wo man noch nicht einmal Toaster kennt und ein durchreisender Chinese zum Hoffnungsträger wird.

Es scheint, als ob die jüngste deutsche Dramatik besonders gern um sich selber, um Familien- und Beziehungsdramen kreist. Private Befindlichkeiten, die nicht interessanter werden dadurch, dass sie mit Holzhammer-Themen wie Sterbehilfe, Kindsmissbrauch oder Gewalt in Computerspielen verknüpft werden. Ein Problem der Auswahl, bei der 322 Dramen gesichtet werden mussten? Die vierköpfige Jury, die heute Abend erstmals den von der Bundeszentrale für politische Bildung gestifteten „Förderpreis für neue Dramatik“ vergeben soll, hat eine schwere Wahl.

Die spannenderen Stücke kommen aus dem Ausland. Nicht so sehr aus Polen, wo Jan Klata mit „Lächelnde Grayprut“ das bedient, was man von polnischem Theater erwartet: Zynismus, Kapitalismuskritik und eine Abrechnung mit der katholischen Kirche. Ein Journalistenpaar erwartet in Rom den Tod des Papstes, während ihr Ex-Freund mit „Kunstkacke“ auf der Biennale auftritt. Raffiniert gebaut dagegen „Versuchung“ des Katalanen Carles Batlle, der einen Spanier, seine tunesische Geliebte und deren Vater zusammenführt. Immer wieder neu setzt das Stück an, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, der Schluss kommt trotzdem als Schock.

Aussichtsreichster Kandidat jedoch ist „Lucy auf dem Eis“ der litauischen Dramatikerin Laura Sintija Cerniauskaite. Eine Ehe, zur Routine erstarrt, bricht auseinander, eine andere fügt sich wieder zusammen, und alle verhandeln ihre Langeweile, Angst und Sehnsucht in lakonischen Kurzdialogen. Der Preis wäre verdient. Und im nächsten Jahr heißt es dann wieder: Restart.

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