Kultur : Achtung, Gottesdienst!

KLASSIK II

Christine Lemke-Matwey

Rattle und die nebenan brillierenden Philharmoniker waren schuld, klar, dass sich der Kammermusiksaal an diesem Abend so erbärmlich unterbesetzt zeigte. Sonst hätte man sich nämlich schämen müssen, hauptstadtmäßig und überhaupt. Dafür, dass anspruchsvolle Kammermusik aus unserem Musikleben tatsächlich zu verschwinden droht; dafür, dass nicht einmal so verheißungsvolle Namen wie der des Zehetmair Quartetts dieser Erosion noch etwas entgegenzusetzen haben. Vielleicht zimmern die Zehetmairs an den herrschenden Schwellenängsten aber auch ein ganz klein wenig mit. Die Musiker nämlich spielen im Stehen (das heißt: Thomas Zehetmair, Matthias Metzger und Ruth Kilius stehen, Cellist Daniel Haefliger darf sitzen!) und sie tragen alle die gleiche, klassikkommunardenhafte Kluft: nachtschwarze Hemden und blitzende Lackschuhe. Achtung, Gottesdienst?

Prompt zeigte sich auch die Musik von einem gewissen Sektierertum befallen. Erstrahlte der Bach-Choral „Vor Deinen Thron tret’ ich hiermit“ noch in alabasterner Schönheit, so kam Benjamin Brittens spätes drittes Streichquartett fast ohne Körper daher: hier ein kleines Aquarell in die Luft geblasen, dort einem flüchtigen Flageolett nachgelauscht, da an der Grenze der Hörbarkeit gelustwandelt. Die Zehetmairs spielten, als wollten sie ihre Musik geheimhalten – oder als hätten sie zu lange in Hotels mit dünnen Wänden geprobt. Dabei: welche Perfektion in Balance und Phrasierung, welch intellektuelle Genauigkeit in der Diktion! Schuberts G-Dur Quartett nach der Pause allerdings war auf diese Weise kaum wiederzuerkennen: Weniger klügeln, mehr Musik machen! - das hätte man den fabelhaften Vier am Ende gerne zugerufen.

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