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Philosophie der Liebe für junge Menschen: Mozarts „Così fan tutte“ in Rheinsberg

Carsten Niemann

Was den dramatischen Konflikt betrifft, eignet sich „Così fan tutte“ von allen Mozart-Opern am besten für eine Aufführung durch junge Erwachsene. Den zwei jungen Verlobtenpaaren nämlich wird von dem Philosophen Don Alfonso in geradezu verletzend direkter Weise die Frage nach der Möglichkeit von idealisierter Liebe und von Treue gestellt.

Das Wetter bei der Premiere an der Kammeroper Schloss Rheinsberg half, die Frage noch zuzuspitzen: Statt in den Schatten des höfischen Heckentheaters verbannte es Mitwirkende und Zuschauer in die nüchterne Ausweichspielstätte im benachbarten Zechlinerhütte.

Viel Stilsicherheit, viel gutes und bei den Sängerinnen und Sängern auch beeindruckendes Handwerk herrschte auf der Bühne, während sich das Rias-Jugendorchester unter der Leitung von Will Humburg bei seinem Rheinsberg-Debüt als sicherer und vor allem klangschöner Begleiter für Aufführungen der Kammeroper empfahl. Heinz Lukas-Kindermanns Inszenierung verlegte das Geschehen in unaufdringlicher Weise in die 20er Jahre, die sich als gute Schnittstelle für die Ästhetiken des 18. und 21. Jahrhunderts erwiesen; in der bloß ästhetischen Personenführung bot er den Sängern allerdings keine Hilfe zur Charakterdarstellung. Die Frage, ob Don Alfonso ein Zyniker oder ein Realist ist, blieb unbeantwortet – und das, obwohl der hervorragend artikulierende Bariton John In Eichen über große Bühnenpräsenz verfügte. Ebenso wenig erfuhr der Zuschauer, welche Charaktereigenschaften die Verliebten zum Partnertausch animieren. Im Kontrast zu Mozart’scher Verwirrung der Gefühle zeigten abwechselnd beleuchtete Statuen eines Amors und Pans an: „Achtung, hier Liebe, hier Seitensprung!“ Sinn für Slapstick ging der Inszenierung bis auf den von Anett Fritsch gekonnt chargierten Auftritt Despinas als wirr genialischer Magnetdoktor fast völlig ab.

Das Publikum durfte sich durch eine Reihe ansprechend gestalteter Einzelnummern klatschen. Den intensivsten Applaus erhielt zu Recht Daniel Kim (Ferrando) für seine Arie „Un aura amorosa“ – und zwar nicht wegen der Schönheit der noch nicht zu einer Einheit verbundenen Register, sondern wegen des Mutes, jenseits aller Konzentration auf die Technik differenzierten Ausdruck und klare dynamische Kontraste zu wagen. Auch Jule Rosalie Vortisch (als Fiordiligi mit besonderer Stärke in der dramatischen Höhe) war man für den Ansatz zu einem ungeschützt idealistischen Treuebekenntnis im ersten Akt dankbar. Gefälliger, wenn auch technisch noch souveräner wirkte sie in den äußerst homogenen Duetten mit dem ausgeglichenen Mezzosopran Anne Schuldt (Dorabella).

Das provozierende Motto „So machen’s alle“ wird in der Ankündigung der Inszenierung übrigens mit „Das kann jedem passieren“ übersetzt. Zu viel Pragmatismus von Don Alfonso gelernt?

Weitere Aufführungen am 8., 9., 11. und 12. August, jeweils 20 Uhr

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