Kultur : Achtung Verachtung

„Ein Teil der Gans“ von Martin Heckmanns am DT

Andreas Schäfer

Ein Paar besucht ein anderes, und die Dekonstruktion des Mittelstandglücks beginnt. Lügen, Schulden und schlechtes Essen. Und vor der Tür ein Fremder, der mal telefonieren will. Tür auf, Tür zu. Das ist aber nicht nur Komödienboulevard, sondern will hoch hinaus. Denn plötzlich ist in dem Stück „Ein Teil der Gans“ von Martin Heckmanns, uraufgeführt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, von afrikanischen Einwanderern die Rede, die in spanischen Gewächshäusern für drei Euro die Stunde schuften. „Das gehört doch gar nicht hierher“, schreit Ernst Stötzner als läppischer Hausherr Victor.

Oh, doch. Denn Heckmanns möchte, wie Yasmina Reza, über das Leichte zum Fundamentalen vordringen. Bei Reza geht es um Kunst oder Wissenschaft, bei Heckmanns um die Angst vor Fremden. Wo bei Reza aber die Ebenen spielend zerfließen, arbeitet Heckmanns mit der Brechstange. Dass Victor, den Stötzner tapsig vor sich hinnuschelt, so ein Trottel ist, glaubt man genauso wenig wie die Hysterie der Hausherrin Bettina (Katharina Schmalenberg), die Amin und Tara, beide angeblich nicht aus Deutschland, eingeladen hat, weil Hotelier Amin ihr vielleicht einen Job anbietet. Unmotiviert taucht nicht nur der Fremde Max (Henning Vogt) auf, völlig absurd gestaltet sich auch das Auftreten der Geladenen. Amin (Gabor Biedermann) ist schlicht ein Arschloch, während Tara (Nora von Waldstätten) nur Dummdreistes absondert. Achtung Verachtung! Mit sadistischer Freude schauen sie auf ihre Gastgeber, um sich plötzlich – was’s denn nu los? – als erregte Moralapostel zu gerieren und mit Verweis auf das Elend in Afrika die Einrichtung zu demolieren.

Ein deutsches Paar, das – als Ausländer verkleidet – ein anderes Paar der Spießigkeit überführt? Zum Wohle hungernder Afrikaner? Da ist dem Autor der unausgegorene Stoff über den Kopf gewachsen. Dass der hemmungslos auf die Boulevardtube drückende Regisseur Philipp Preuss dann aber noch fünfzehn Afrikaner auftreten und „We are the champions“ singen lässt, ist kein hilfloser Humor, sondern Rassismus. Andreas Schäfer

Wieder am 15., 31.10. und 3. und 16.11.

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