Kultur : Ackern bis Dreißig

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf über

den Twen-Hype unter Dirigenten

Seit einigen Jahren wird die Dirigentenszene von einem merkwürdigen Phänomen heimgesucht – dem Twen-Hype: Mussten sich Kapellmeister früherer Generationen noch über Jahrzehnte hinweg mühsam von den Korrepetitorenstellen in der Provinz hocharbeiten und sozusagen von der Operetten-Pike an dienen, stürzen sich die Orchester nun zusehends auf junge Talente: Der Brite Daniel Harding und der Finne Mikko Franck sind da nur die Prominentesten dieser Jungbegabungen, um die sich alle balgen. Beide sind schon mit den Philharmonikern aufgetreten (ohne bei dieser Gelegenheit sonderlich zu überzeugen), beide haben natürlich auch schon Chefposten inne.

Ob das einer organischen künstlerischen Entwicklung wirklich gut tut, sei einmal dahingestellt. Franck etwa ist mit kaum 23 Jahren schon Chef des Belgischen Nationalorchesters, und der 29-jährige Philippe Jordan , der am Mittwoch sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gibt, hat als Chefdirigent des Grazer Opernhauses sogar schon wieder hingeschmissen. Was aber vielleicht auch nur von der Einsicht zeugt, dass es eben doch zwei gänzlich verschiedene Dinge sind, die Verantwortung für ein paar hundert Menschen zu übernehmen oder nur gut zu dirigieren. Letzteres hat Jordan unter anderem an der Lindenoper gelernt, wo er als Kapellmeister Peter Greenaways spektakuläre Produktion von Milhauds „Christophe Colomb“ betreute und auch Doris Dörries „Così“ übernehmen durfte.

Die Fiordiligi dieser Inszenierung, Dorothea Röschmann, ist an den drei Abenden in der Philharmonie als Solistin mit Bergs „Sieben frühen Liedern“ dabei - das durch Werke von Schumann (zweite Sinfonie) und Strauss komplettierte Programm ist also auch ein Wiedersehen zweier Ex-Lindenopernkollegen.

Die Kehrseite dieses Twen-Hype ist allerdings, dass diejenigen, die jenseits der dreißig sind, es umso schwerer haben. Wer es bis dahin nicht auf das internationale Karrussel geschafft hat, bekommt kaum noch eine Chance. Der alte Karriereweg, den so gut wie alle großen deutschen Dirigenten absolviert haben, führt nur noch bis zu einem Chefposten in einem kleinen oder mittleren Provinzhaus, dann ist offenbar Schluss. Vergeblich sucht man die Namen der Opernchefs von Braunschweig, Dessau oder Neustrelitz bei den großen Berliner Orchestern – die bedienen sich lieber bei den internationalen Agenturen, statt einmal in die Provinz zu fahren.

Besonders ärgerlich ist das im Fall von Michael Helmrath . Der 49-jährige Ex-Solooboist der Münchner Philharmoniker, der von Celibidache entdeckt wurde und bei Bernstein assistierte, hat mit seinen Brandenburger Symphonikern wahre Wunderdinge vollbracht und aus einer schon abgeschriebenen Gurkentruppe ein hochklassiges Ensemble gemacht. Dennoch wird er in Berlin hartnäckig ignoriert. Dass er am Sonntag im Konzerthaus mit seinen Symphonikern ein eher kitschverdächtiges Promenadenkonzert leiten darf, macht die Sache nicht besser.

Bleibt ihm nur der Trost, dass auch Günter Wand erst im Rentenalter Karriere machte. Obwohl er vorher wahrscheinlich auch nicht schlechter dirigierte.

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