Kultur : Action, Satisfaction

Jay-Z, der König des Hip-Hop, ist zurück – und mit ihm P. Diddy, Snoop Dogg und The Game

Gerrit Bartels

Man muss es wohl Comeback nennen – selbst wenn der Rapper, der sich dieser Tage wieder mit einem Album zurückmeldet, erst 36 Jahre alt ist, selbst wenn es erst drei Jahre her ist, dass er sich mit viel Aplomb und einem „Black Album“ von der Hip-Hop-Bühne zurückzog, ohne dass was Besonderes vorgefallen oder ihm widerfahren wäre. Er war es einfach müde, Beats und Reime zu schmieden.

Nun ist dieser Rapper einer der ganz großen Rapper der letzten Zeit: Jay-Z, bürgerlich Shawn Carter. Als König bezeichnet er sich gern, und diesen Titel gesteht man ihm auch zu – „King of Corporate Rap“ nannte ihn der „New Yorker“ einmal –, prägte er doch in den späten neunziger und frühen nuller Jahren maßgeblich das Genre. Jay-Z vereinigte wie kein anderer in einer Person den eleganten, flüssig reimenden Rapper mit dem aufstrebenden, von der Straße kommenden Hip-Hop-Unternehmer, den Dichter mit dem Drogen handelnden Kleinkriminellen, dem Hustler. Seinen Rückzug hatte man seinerzeit auch so eingeschätzt, dass Jay-Z schlichtweg der Stoff abhanden gekommen war, dass er seinen Erziehungsroman zu Ende erzählt hatte: Klassisch ging es für ihn von ganz unten nach ganz oben, nun musste er sich um ein Firmenimperium (Sportsachen, Filmproduktion, Wodka) kümmern, um seine Aufgabe als Geschäftsführer des Traditions-Hip-Hop-Labels Def Jam, um Geldvermehrung eben, aber auch, wie es sich für einen Elder Statesman des Hip-Hop gehört, um Karitatives.

Doch Jay-Z fühlte sich, die fehlende offizielle Begründung für den Sinneswandel deutet darauf hin, nicht ausgefüllt – er hat in sein Herz gehorcht, um es mit Christoph Daum zu sagen, und an einem neuen Album gearbeitet. Dieses trägt den bezeichnenden Titel „Kingdom Come“, lässt an feinen dunklen Beats, nachdenklichen Reimen, großen Gaststars und überhaupt großen Hits nichts zu wünschen übrig und liefert in einem Track mit Freundin Beyoncé eine mögliche Begründung für Jay-Zs „Comeback“: „Oh, it’s the lights, action, Hollywood, oh, it’s the lights, satisfaction, Hollywood“.

Wie es der Zufall will, veröffentlicht Jay-Z „Kingdom Come“ in diesem Herbst wettbewerbsgünstig zeitgleich mit einer Reihe großer Konkurrenten um den HipHop-Thron. Da sind der Hip-Hop-Pate P. Diddy und sein Album „Press Play“; dann ist da der ewige Zweite Snoop Dogg, der mit „The Blue Carpet Treatment“ schon sein achtes Album veröffentlicht, den Titel eines Hip-Hop-Grandseigneurs aber weder erhalten hat noch anstrebt; und schließlich ist da der aufstrebende Jungrapper The Game mit „Doctor’s Advocate“. Vor zwei Jahren veröffentlichte The Game mit „The Documentary“ und unter der Obhut des Westcoast-Großproduzenten Dr. Dre eines der erfolgreichsten Hip-Hop-Alben aller Zeiten, ohne dem Sub-Genre Gangsterrap Neues abzugewinnen – eine Leistung besonderer Art. Dieser Erfolg war einerseits dem Bedarf nach neuen Gesichtern in einem stagnierenden Genre geschuldet, andererseits einer typischen Vita aus kaputter Familie, Gangmitgliedschaften, Drogen, Schießereien etc., die The Game aggressiv-überzeugend zu Markte trug.

Allen Alben gemein ist, dass sie musikalisch auf hohem Niveau stillstehen – es gibt keine Neuerung, die Hip-Hop produktionstechnisch oder inhaltlich nach vorn bringen würde, wie es zuletzt Timbaland, die Neptunes oder Outkast noch vermocht haben. Dem Hip-Hop geht es inzwischen wie dem Rock, dem er in den USA kommerziell den Rang abgelaufen hat – in der Wiederholung und Variation liegt die Stärke. Zumal das große Publikum keine ständigen Entwicklungen will. Zum Standard einer Corporate-Hip-Hop-Produktion gehört es, dass sich die Hip-Hop- Stars gegenseitig die Klinken der Aufnahmestudios in die Hände drücken und sich bunt durcheinander featuren. Oft sieht man vor lauter Gästen den Gastgeber nicht mehr. Was ein Grund dafür sein könnte, dass sich Snoop, P. Diddy und Jay-Z in Großporträts auf ihre Cover haben setzen lassen und auf genretypische Accessoires weitgehend verzichten, Autos, Goldketten, und, nun ja, Frauen.

Gereifte, nachdenkliche Künstler hier, toughe Gemeinschaftsproduktion dort. Dr. Dre, die Neptunes oder Kanye West zum Beispiel sind immer dabei, und wenn einer explizit fehlt, fällt das auf. So wie bei The Game. Es scheint Krach gegeben zu haben zwischen ihm und seinem Meister, darauf deuten – auch flehentlich an Dr. Dre gerichtete – Lyrics und der nicht zu übersehende Hinweis auf dem Cover: produced by Scott Storch. Nichtsdestotrotz kommt The Games Zweitling auch ohne Dre gut auf breiten Straßen ins Rollen. Insbesondere der Mittelteil des Albums, von „Let’s Ride“ über „Too Much“ bis zum Titelsong, weist knorke Hits mit Mitsummpotenzial auf, und The Games kratzbürstige Reime über, wer hätte es gedacht?, Compton, die Westcoast und den Gangsterrap vermengen sich exzellent mit so einigen R&B-Parts.

Letztere wiederum hat Snoop Dogg auf seinem neuen Album heruntergefahren – passend zu seiner achterbahnförmigen Karriere. Mit seinem 93er-Debüt „Doggy Style“ war Snoop schon einmal größer als das Leben selbst, siehe Jay-Z, siehe P. Diddy, da war er der König des G-Funks und stand trotzdem oft im Schatten seines damaligen Buddys und Produzenten Dr. Dre. Er emanzipierte sich, siehe The Game, bei Master Ps Hip-Hop- Label No Limit, das seinerzeit die Standards des Gangsterraps vorgab. Snoops Bretterbudenrap aber war nur noch was für die ganz Hartgesottenen. Sein Comeback erlebte er vor zwei Jahren, unter anderem mit einem Hit, den ihm die Neptunes auf den mageren Hundeleib schneiderten.

„The Blue Carpet Treatment“ ist nun das Beste aus den drei Snoop-Welten – es erinnert an den großen, smoothen G-Funker, der wie in seinem Welthit „Who Am I“ nach seinem Namen fragt und diesen von seinem Publikum skandieren lässt; in der funkigen Sprödigkeit gemahnt es an den mittleren Snoop; und es zeigt den reifen Rapper, der sich mit seinem charakteristisch nasalen Gesang vor keinem anderen zu verstecken braucht. Snoop ist ein Planet für sich: eine Mischung aus Superpimp, Superrapper und Superfilmnebendarsteller. Was er im Leben nicht sein wird: Unternehmer, Kaiser, Gott.

Das Gegenmodell also zu P. Diddy, der für sein viertes, ihn als Interpreten auszeichnendes Album Ränge und Namen noch und nöcher eingekauft hat – wie die Konkurrenz auch, nur dass P. Diddy kein Rapper ist. Zeit seines Wirkens war Diddy einer der einflussreichen Männer und Produzenten im Hintergrund. Er betrieb die Vermählung von Hip-Hop und R&B, er plünderte hemmungslos und ohne kreatives Surplus Welthits von The Police bis Phil Collins, und er besitzt wie Jay-Z mehrere Unternehmen und gehört zum US-Jetset. Das Problem, das er mit Jay-Z teilt – das Fundament bröckelt. Ruhm zu verwalten ist das eine, besser ist, er speist sich ständig aus musikalischen Quellen. Ein aktuelles Album hilft zum Beispiel auch, wenn man, wie jetzt Jay-Z, sich in Zusammenarbeit mit Kofi Annan und MTV um die „globale Wasserkrise“ kümmert und in der MTV-Doku „The Diary of Jay-Z: Water for life“ das Problembewusstsein bei Jugendlichen für die zunehmende Wasserknappheit auf dem Planeten zu schärfen versucht.

Ist Jay-Z aber tatsächlich ein Reimkünstler, so ordnet P. Diddy auch musikalisch alles der Personality unter. Gezwungenermaßen. Denn mit dem Rappen hapert es weiterhin, was aber auch egal ist: Die Gastrapper- und sängerinnen gleichen das aus, Nas, Big Boi von Outkast, Mary J. Blige, Cee-Loo, Christina Aguilera, und die üblichen Großproduzenten sind sowieso super. „Press Play“ hat etwas von den vielen neuen Alben von Notorious B.I.G. oder Tupac, obwohl beide seit Jahren tot sind – ein paar unveröffentlichte Worte auf irgendwelchen Tonbandschnipseln reichen, und schon wird um diese ein neues Album geschneidert.

P. Diddy aber lebt. Und stört nicht – die Stücke funktionieren auch ohne ihn gut. Dass „Press Play“ übrigens, wie P. Diddy angekündigt hat, sein letztes Album sein soll, er sich damit als „Künstler“ verabschiedet, muss man nicht ernst nehmen – das nächste Comeback kommt bestimmt.

Jay-Z: „Kingdom Come“ (Def Jam/Universal), erscheint am Freitag

The Game: „Doctor’s Advocate“ (Geffen/Universal)

Snoop Dogg: „Tha Blue Carpet Treatment“ (Geffen/Universal)

P. Diddy: „Press Play“ (Bad Boy/Warner)

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