Adam Zielinski : Lieben wir Europa!

Adam Zielinski erinnert sich an Karl May und misstraut hohlen Worten. Europa könne nicht durch bloße Worte errichtet werden, das neue europäische Haus brauche Taten, meint der polnische Schriftsteller.

Adam Zielinski

Ich war zehn, und weil mein Kopf voller Karl May und Alexandre Dumas war, wusste ich früh, dass man feierlichen Beteuerungen keinen Glauben schenken darf. Dennoch konnte ich mich früh für Europa begeistern. Meine Fantasie brachte mich nach Paris zu den drei Musketieren, nach Zentralspanien zu dem Mann von La Mancha und nach Griechenland in der Annahme, dass ich Zeus treffen könnte. Und wenn ich mit Winnetou amerikanische Prärien durchquerte, stellte ich mir auch diese wie in Europa vor, weil man bei uns zu Hause nur über Europa sprach. Dann geschah etwas Unerhörtes: Schillers „Räuber“, Hauptmanns „Weber“, und „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann verschwanden angesichts der Schüsse der SS.

Auch die schönsten Worte, lernte ich, sind nicht dazu geeignet, um auf ihnen ein Leben aufzubauen. Voller Misstrauen hörte ich deswegen nach dem Krieg die schönen Reden des französischen Außenministers Robert Schuman, von Konrad Adenauer, Jean Monnet oder Paul-Henri Spaak. In diesem schwer geprüften Europa, in dem wegen Habgier, Religionen oder Gebietsansprüchen ununterbrochen Kriege tobten, wollten diese Herren ein gemeinsames Haus für unzählige Nationalitäten, Kulturen und Religionsgemeinschaften bauen. Könnte es sein, dass es sich um einen abermaligen Versuch handelte, mit Worten zu betören? Als Zwanzigjähriger verstand ich, dass man eigentlich über Stahl und Kohle reden wollte, aber stattdessen Begriffe wie „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ und „Europäische Union“ benutzte.

Nicht gering war meine Überraschung, als mir eines Tages eine Nachricht ins Haus flatterte, ich könne mich mit meiner Stimme an den Wahlen zum Europäischen Parlament beteiligen. Das Misstrauen gegenüber schönen Worten ließ mich wieder nicht los. Hier werde neuerlich nur geplaudert, fürchtete ich. Als aufmerksamer Beobachter Europas schien es mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, dass Portugiesen mit Finnen, Polen mit Griechen, Deutsche mit Niederländern oder Spanier mit Rumänen friedlich an einem Tisch sitzen könnten. Müsste dafür nicht ein Wunder passieren?

Aber es lässt sich nicht verhehlen: Die europäische Idee hat ausschlaggebend dazu beigetragen, dass in Europa seit 1945 keine Kriege mehr geführt werden, dass hier oder da aufflackernde Militärkonflikte lokal bleiben, dass ein Moslem seine Moschee besuchen kann, ohne dafür geprügelt zu werden, und dass sich Juden nicht in ihre Synagogen hineinstehlen müssen, sondern die Schwelle zu ihrem Tempel erhobenen Hauptes überschreiten können. Noch nie ist es den Europäern so gut gegangen wie in den letzten 60, 70 Jahren, die von der europäischen Idee geprägt sind.

Dennoch greife ich auch als freier Bürger Europas auf die Erfahrung meiner Kindheit zurück und sage: Hüten wir uns, was immer geschieht, vor leeren Worten! Das neue, europäische Haus kann nicht durch bloße Worte errichtet werden. Europa braucht Taten und noch einmal Taten! Salvador de Madariaga hat es vortrefflich formuliert: „Um Europa zu stärken und zu einigen, müssen wir dieses Europa vor allem lieben.“ Also: Lieben wir es! Und vergessen wir dabei nie die Lehren der Vergangenheit.

Der polnische Schriftsteller Adam Zielinski lebt seit 1957 in Wien. Zuletzt erschienen sein Geschichtenband „Als die Russen nach Hirschberg kamen“ und „Zwölf jüdische Erzählungen“ (Wieser Verlag). Der Text ist ein gekürzter Beitrag der Deutschlandfunk-Reihe „Mein Europa“ im Vorfeld der Europawahlen. Zu hören bis 5. Juni tägl. ab 9.10 Uhr und auf www.dradio.de.

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