Kultur : Addio Marcello

JAN SCHULZ-OJALA

Könnte es sein, daß die schönste Einstellung des Filmes seine letzte ist? Totale auf die Baixa in Lissabon, auf das große Tor zum Tejo, Menschengewühl und darin, erst klein, sehr zentral, Marcello Mastroianni.Die Kamera erfaßt ihn, holt ihn heran, und irgendwann ist da nur noch dieses heitere, gelöste Gesicht, ein Schauspieler, der aus seiner Rolle auf den Zuschauer zugeht und sich im selben Augenblick wieder in sich selbst zu verwandeln scheint.Und immer näher, jetzt die Augen, das Bild wird unscharf, die Haut, ein verwischtes Braun und nur noch dieses Braun, das Gesicht muß in uns verschwunden sein.Und Abspann.

Könnte es sein, daß der schönste Grund, sich "Erklärt Pereira" anzusehen, gedreht vor drei Jahren von dem Italiener Roberto Faenza nach dem Roman des italienischen Prosa-Künstlers Antonio Tabucchi, eben jener Marcello Mastroianni ist, der ein gutes Jahr nach den Dreharbeiten starb, am 19.Dezember 1996? Seien wir ehrlich: So ist es.Und es ist nichts Böses daran.Antonio Tabucchi wird nichts weggenommen oder hinzugefügt durch diesen Film, und Regisseur Roberto Faenza ist ganz gewiß auf der Höhe seiner Möglichkeiten.Der Ausnahmeschauspieler Mastroianni aber, dieses durchaus massige und zugleich schwerelos wirkende Wesen damals noch von diesem Stern, den können wir hier noch einmal sehen.Bevor er seinem Fellini hinterherreiste, seinem Visconti und die anderen zurückließ, Antonioni, Angelopoulos...

"Erklärt Pereira" ist zwar nicht Mastroiannis letzter Film (das ist die "Reise ans Ende der Welt" von Manoel de Oliveira), aber wohl der letzte, mit dem er ein größeres Publikum erreichen dürfte - dank Tabucchi vor allem, dessen Buch ein Welterfolg geworden ist.Roberto Faenza, dessen Vita mehr Details über seine Universitätskarriere denn über sein Filmschaffen verrät, hat die Geschichte um den alten Literaturredakteur der Zeitung "Lisboa", der zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs zu spätem politischen Bewußtsein und zu einer einzigen Tat erwacht, fraglos sorgfältig in Bilder gesetzt - in ein einziges braunstichiges Gobelin.Mastroianni-Pereira bewegt sich darin sachte und langsam: von der staubigen Redakteursstube in die sparsam möblierte Wohnung, wo er mit dem Foto seiner lange schon verstorbenen Frau spricht, zur Kur ans Meer, wo er sich mit einem Arzt (Daniel Auteuil) befreundet, und wieder zurück in die Wohnung, in der die Polizei eines Tages seinen Schützling Manuel (Joaquim de Almeida) entdeckt - und hinrichtet.Ein alter Mann mit Brille, Taschenuhr, Weste, seltsam glattem Gesicht unter noch immer vollem, grauem Haar ist dieser Pereira; nur daß ihm manchmal kaum merklich die Hände zittern, mag so nicht in der Rolle gestanden haben.

"Ich glaube nicht an die Auferstehung des Fleisches", läßt Tabucchi seinen Pereira sagen, einen dieser Drehbuchsätze, die er als die "Quadratwurzel" seines Romans bezeichnet.Warum sollte dieser Körper, dieses mit den Jahren ein bißchen unförmig gewordene Zeug, auch auferstehen, fragt Mastroianni den Priester, der ihm darauf sogar fast die Oblate verweigert.So geht die Figur an der unsichtbaren Hand des Todes spazieren, und Mastroianni läßt auch dies noch leicht erscheinen.Und nachher luchst er sie sich doch ab, die Oblate.

Balazs (auch OV), Cinema Paris, Odyssee

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