Kultur : Adel vergeht nicht: Pragmatisch angepasst: Warum es die Aristokratie noch gibt

Rudolf Helmstetter

Spätestens 1918 war der Adel auch nicht mehr das, was er einmal war. Nach 1945 kam es noch schlimmer. Mit dem Ende der Monarchie verlor er seinen Bezugsrahmen, seine politische, wahl- und steuerrechtlichen, ökonomischen Standesprivilegien, seine gesellschaftliche Sonderrolle und büßte seine wichtigste materielle Basis ein, den Grundbesitz. Die Modernisierung und Abwicklung der ständisch differenzierten Gesellschaft, ihrer Statik und ihrer Säulen war mit Industrialisierung, Urbanisierung und Demokratisierung längst in Gang und wurde von der Weimarer Verfassung nun auch politisch vollzogen.

Vielleicht aber hat erst die politische Abschaffung den Adel, die "Adeligkeit" konstituiert, nicht mehr als Stand, sondern als ein "vielschichtiges und facettenreiches Kulturmodell". Das jedenfalls ist die These einer umfänglichen Studie, in der Eckart Conze dem "Gestalt- und Substanzwandel" des deutschen Adels im 20. Jahrhundert nachgeht. Er betrachtet den Adel trotz aller Veränderungen als eine "vergleichsweise homogene Erfahrungsgemeinschaft", die interne ökonomische und regionale Differenzen, aber auch Geschichte und Gegenwart durch ein forciertes Standes- und Traditionsbewusstsein überbrückt. Um den Adel zu wahren, müssen sich Adlige zunehmend selbst als solche definieren.

Am Leitfaden dreier "Häuser" und dreier Generationen der Familie Bernstorff (Provinz Hannover) rekapituliert Conze die soziopolitische Geschichte des deutschen Adels im 20. Jahrhunderts. Dabei erfasst die Familienbiografie sehr unterschiedliche und dabei doch prototypische Reaktionsweisen auf die drei Stufen der Deklassierung des Adels in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit.

Es sind gerade die politisch-historischen Umwälzungen, die das Beharrungsvermögen von nun erst recht gepflegten Traditionen und Mechanismen adliger Sozialisation und Lebensführung provozierten. Besonders in der ländlich-agrarischen Welt konnte bis weit ins Dritte Reich hinein patriarchalisch, informell und symbolisch Herrschaft ausgeübt werden, nach Gutsherrenart sozusagen.

Ideologisch hält sich der Adel durch Selbstmusealisierung am Leben: Durch Rituale der Erinnerung wird die Familiengeschichte zur mythisch-historischen Grundlage. Zugleich ist die Familie auch Interessenverband, Solidargemeinschaft, verwandtschaftliches Netzwerk von Kontakten und Beziehungen und nicht zuletzt Kontrollinstanz der Partnerwahl. Nicht durch Noblesse und ideologische Kompensation überlebt der Adel als "Adligkeit", sondern durch pragmatische Anpassung an die neuen Realitäten.

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