Kultur : Adidas für alle

Ahmed El Attar bei der Spielzeiteuropa in Berlin

Peter Laudenbach

Irgendwie beruhigend, dass arabische Teenager ihre Pubertät mit dem gleichen Fernsehmüll verbringen wie deutsche Jugendliche. „Wer wird der Held?“, fragt ein schmieriger Fernseh-Produzent im Rollstuhl und freut sich über hohe Einschaltquoten. Die Bewerber für den Job als TV-Superstar träumen vom sorgenlosen Leben und davon, ihren neuen Rennwagen im Suff zu Schrott zu fahren. Und dann singen sie sehr lässig ihr Lied, zum Beispiel einen ägyptischen Gangster-Rap mit vielen locker dahingenuschelten „motherfuckers“ zwischen den arabischen Versen, stilsicher vorgetragen im Adidas-Anzug mit Goldkette vor der Brust.

Das sind doch gute Nachrichten aus dem Krieg der Kulturen: Zumindest der universelle Charakter der Kulturindustrie bleibt von Terroranschlägen und Bushs Angriffskriegen unbeschädigt. Die Bekanntschaft mit der arabischen Fernseh-Show, aber auch Begegnungen mit einem palästinensischen Aktivisten, einer Schulklasse samt energischem Lehrer (komisch und brutal wie aus einer Inszenierung von Tadeusz Kantor), Rekruten, die den Eid auf die ägyptische Armee schwören, dem Kunden einem Telefonsex-Hotline („Ich bin der tüchtige Hassan“), einem Mann, der depressive Selbstgespräche führt, einer Frau aus einem Flüchtlingslager und spielsüchtigen Cafehausbesuchern verdanken wir einem Gastspiel der Temple Independent Theatre Company aus Kairo.

Schnell und hart sind die kurzen Szenen aneinandergeschnitten, eine Collage, die Momentaufnahmen aus dem Kairo der Gegenwart montiert. Wenn ein Mann gegen eine von der Decke hängende Schweinehälfte boxt wie gegen einen Sandsack und dabei immer wieder sagt „Ich mag die Ägypter nicht, und die Iraker auch nicht ... Ich mag die Deutschen, die Franzosen, und besonders die Amerikaner...“, ahnt man, was arabischer Selbsthass ist. Das ist trocken, vollkommen unironisch und bitter. Bei der spielzeiteuropa zeigt der ägyptische Regisseur und Autor Ahmed El Attar dieses neue Stück seiner Compagnie („Mother, I want to Be a Millionaire“), eine Koproduktion der Berliner Festspiele, als deutsche Erstaufführung. Es ist eine großartige Inszenierung, neben der das meiste, was die unvergleichlich reicheren Berliner Theater im Spielplan haben, einigermaßen dekadent, leer und selbstreferenziell wirkt. El Attars Stück hat Tempo, Intelligenz, Selbstironie, illusionslose Härte und die Kraft, unlarmoyant und subjektiv von einem harten, vielfach gebrochenen Lebensgefühl zu erzählen – modernes Theater, das jeden Vergleich mit den besten europäischen Bühnen aushalten kann, ohne in die Gefahr zu geraten, das westliche Theater epigonal zu kopieren.

Heute noch einmal, 20 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele.

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